Foto: © Isabella Kilian, ARTMUC 2026
Ein Beitrag von Boris Udina,
Claudine liebt Kunst-Gastautor & Herausgeber des
digitalen Lifestyle- und Content Hero-Mags MAKERS
(zusammen mit Most Wanted Models )
„Weg vom Elfenbeinturm-Gehabe“
Warum Münchens hybride Kunstmesse ART MUC mehr ist als eine klassische Kunstplattform.
Claudine liebt Kunst hat Veranstalter Raiko Schwalbe gefragt, warum sich ein Besuch der Frühjahrsedition vom 1. bis 3. Mai lohnt.
Die ART MUC, Bayerns größte hybride Kunstmesse, will seit Start der ART MUC 2014 zeitgenössische Kunst zugänglich machen, internationale Positionen nach München holen und dabei bewusst raus aus dem Elfenbeinturm.
Exklusives Interview in Kooperation mit dem digitalen Lifestyle- und Content Hero-Mag MAKERS über Kunst und Herausforderungen, was Besucherinnen und Besucher im Mai erwartet und weshalb Deutschland bei AI Art und digitaler Kunst noch immer auf der Bremse steht.
Wenn du die ART MUC in einem Satz beschreiben sollst: Was ist sie heute?
Raiko Schwalbe: Die ART MUC ist für mich vor allem eine Entdeckermesse. Eine große, offene Plattform für zeitgenössische Kunst, bei der du eben nicht in irgendeinem elitären Elfenbeinturm stehst und dir jemand erklärt, was du jetzt gefälligst gut finden musst. Du kommst rein, schaust dich um und wirst mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit irgendwas finden, wo du sagst: „Okay, das packt mich.“ Und genau darum geht’s. Wir versuchen seit Jahren, den doch sehr hochkulturell geprägten Münchner Kunstmarkt ein bisschen zu internationalisieren und etwas von diesem Elfenbeinturmgehabe wegzubekommen.
Bild: © Alexander Timofeev, FOR HAPPINESS, 60 x 60 cm
Die ART MUC bezeichnet sich als hybride Kunstmesse. Was heißt das konkret?
Raiko Schwalbe: Dass wir eben genau an dieser Schnittstelle arbeiten: wachsender Galeriebereich, wachsender Künstlerbereich, internationale Positionen, neue Formate. Wir sind da sehr offen. Und wir sind eben keine enge Galeriemesse, sondern ein Querschnitt. Das macht’s spannend, weil du sehr unterschiedliche Perspektiven auf Gegenwartskunst nebeneinander siehst.
Bild: © Christoph Simmler, Out of Service, 50 x 70cm
18 Euro Eintritt für drei Tage wirkt für die Größe fast erstaunlich moderat.
Raiko Schwalbe: Ja, finde ich auch. Aber mir geht’s nicht darum, die Leute maximal auszunehmen. Ich habe keinen Gewinnmaximierungsfimmel. Mir geht’s darum, dass Menschen Kunst erleben, entdecken und mitnehmen können.
Was macht die Frühjahrsedition 2026 so besonders?
Raiko Schwalbe: Die ART MUC zeigt pro Ausgabe bis zu 170 internationale Positionen und reicht von Malerei bis Digital Art und New Media. Genau diese Offenheit ist Teil des Konzepts. Dieses Jahr legen wir dabei einen stärkeren Fokus auf Asien und erstmals auch auf China.
Auf der Messe werden Werke aus der privaten Sammlung von Sun Yan gezeigt, dazu Arbeiten von Künstlern wie Professor Yilin Mu und He Xiangdong sowie Tonfiguren aus Xi’an, inspiriert von den Terrakotta-Kriegern. Das ist definitiv eines der Highlights.
Und dann sind da für mich die sozialen Projekte. Wir unterstützen bei dieser Ausgabe gleich mehrere Initiativen, darunter die Kolibri Interkulturelle Stiftung, die Pfennigparade ChancenWerk GmbH und das Kunsthaus „sans titre“ aus Potsdam. Das sind echte Highlights.
Bild: © Anna Rubin, Selfportrait
Klingt nicht nach einer Messe, die sich über eine einzige Stilrichtung definiert.
Raiko Schwalbe: Überhaupt nicht. Wir hatten noch nie den Ansatz zu sagen: Dieses Jahr machen wir nur das eine Motiv, nur die eine Richtung, nur diese eine politische oder ästhetische Erzählung. Das wäre mir zu eng. Bei uns bewirbst du dich mit den Werken, die du zeigen willst, und dann schaut eine externe Jury drauf. Das ist wichtig, weil man sich in diesem Markt sonst sofort Feinde macht.
Wo sind die Grenzen?
Raiko Schwalbe: Was wir nicht wollen, ist Hobbykunst und Hausfrauenmalerei. Also malen nach Zahlen, bisschen kneten nach vorn, das ist nicht unser Ding. Es geht uns nicht darum, ob jemand Akademiker ist oder nicht. Es geht darum, ob eine professionelle Entwicklung sichtbar ist. Ob jemand wirklich etwas aufbaut, an einer künstlerischen Handschrift arbeitet, sich weiterentwickelt.
Kein Artikel ohne KI-Thema: Welche Rolle spielt AI Art auf der ART MUC?
Raiko Schwalbe: Eher eine Nebenrolle mit Zukunft. Ich plane selbst einen internationalen Award für digitale Kunst, der wirklich alle Facetten mitdenken soll. AI ist dabei natürlich ein Thema. Aber ich sehe das auch da wieder nicht als disruptiv, sondern als Erweiterung. Das Problem ist eher: Deutschland ist bei solchen neuen Formen oft Letzter in der Reihe.
Wir hatten digitale Kunst schon gezeigt, aber dann stehen Leute davor und sagen: „Ja, total cool – und wie häng ich mir das jetzt an die Wand?“ Da merkst du sofort, dass das Verständnis noch nicht so weit ist. Es fehlt häufig nicht am Interesse, es fehlt an der kulturellen Gewöhnung daran, dass Kunst eben auch LED, Screen, Code, Bewegung oder KI sein kann. Die ART MUC greift dieses Feld auf der Website explizit mit dem Bereich „Digital.art – New technologies and developments in art“ auf. Dort werden Projekte aus VR, AR, AI und Blockchain angekündigt.
Warum tut sich Deutschland mit digitaler Kunst so schwer?
Raiko Schwalbe: Weil digitale Kunst hier noch oft als Entertainment gelesen wird und nicht als Kunst. Wenn du in anderen Ländern unterwegs bist, siehst du viel stärker, dass neue Technologien selbstverständlich in kulturelle Räume integriert sind. Hier diskutierst du gefühlt noch, ob das jetzt Kunst sein darf oder nicht. Da sind wir einfach spät dran. Aber das heißt nicht, dass es nicht kommt. Es kommt. Nur eben langsamer, als manche denken.
Bild: © Juergen Mai, Strelitzien
Wie wichtig ist das „Erlebnis“ auf Kunstmessen geworden?
Raiko Schwalbe: Extrem wichtig. Eine Messe ist nicht einfach nur Verkaufsfläche. Ich kann als Künstler in zwölf Stunden mit wahnsinnig vielen kunstinteressierten Menschen direkt sprechen. Face to face. Fünf Sinne aktiv. Das kriegst du mit einem Flyer oder einer Anzeige so nicht hin. Deshalb glaube ich auch nicht an dieses schnelle „Messen sind tot“. Nach Corona haben doch alle gemerkt, wie sehr dieser persönliche Austausch fehlt. Kunst ist eben nicht nur Bilddatei. Kunst ist Begegnung, Reibung, Gespräch, Präsenz.