Künstlerinterview: 11 Fragen an Theresa Octavia Pfeiffer
Foto: © Theresa Octavia Pfeiffer
Von historischer Meisterklasse zur explosiven Gefühlswelt: Ein Gespräch mit Theresa Octavia Pfeiffer
Was passiert, wenn Perfektion auf ungezähmte Impulsivität trifft? Wenn eine Künstlerin den akribischen Hyperrealismus hinter sich lässt, weil ihre Ideen so heiß brennen, dass sie sofort, laut und dynamisch auf die Leinwand müssen?
Theresa Octavia Pfeiffer ist eine Meisterin dieses Spagats. An der renommierten Münchner Kunstakademie lernte sie das klassische Handwerk von der Pike auf – vom Mischen historischer Temperafarben wie einst Franz von Stuck bis zur perfekten Leinwandpräparation. Doch wer heute vor ihren Arbeiten steht, sieht keine kühle Akribie, sondern eine mutige, mitreißende Farbexplosion.
In unserem Interview spricht sie wunderbar ehrlich über Orientierungslosigkeit im Studium, den befreienden Rat eines Kommilitonen, die typische „Künstlerfalte“ beim Arbeiten und ihr spektakuläres neues Herzensprojekt – ein Porträt von FC-Bayern-Kapitänin Giulia Gwinn.
Foto: © Theresa Octavia Pfeiffer
1 – Claudine: Liebe Theresa, du hast viele Jahre in München gearbeitet und gelebt. Wie sehr hat diese Stadt, ihre Kunstszene und vielleicht auch das bayerische Lebensgefühl deine tägliche Arbeit im Atelier geprägt?
Theresa Octavia Pfeiffer: Für mich hat sich München immer wie ein sehr alter Ort angefühlt – im positiven Sinne. Die Villen großer Malerfürsten wie Lenbach und Stuck fand ich schon immer faszinierend. Ich war während meiner Zeit in München oft dort. Die Natur mitten in der Stadt, der Englische Garten und die Isar haben mich immer wieder inspiriert und geerdet. Ich finde, an diesen Orten ist eine besondere, ursprüngliche Energie fast mit Händen greifbar.
2 – Claudine: Auf deinem Instagram-Profil erwähnst du die „Academy of Fine Arts Munich“ – also die renommierte Akademie der Bildenden Künste hier in München. Wie hat dich das Studium an dieser traditionsreichen Institution geprägt, und gab es dort prägende Einflüsse oder Begegnungen, die deine Sicht auf die Malerei verändert haben?
Theresa Octavia Pfeiffer: Für mich war es eine große Ehre, an der Akademie der Bildenden Künste aufgenommen zu werden. Mit meiner figurativen Arbeit bin ich anfangs oft an Grenzen gestoßen. Deshalb fühlte ich mich zunächst etwas verloren.
Ich hatte ein sehr offenes Gespräch mit einem älteren Kommilitonen, der mir einen entscheidenden Rat gab:
„Mach dein Ding. Denn wenn du es nicht machst, wird es trotzdem nicht allen gefallen. So gefällt es wenigstens dir.“
Danach habe ich mehr losgelassen und durfte mich auf wunderbare Weise in der Malwerkstatt weiterentwickeln. Hier ging es weniger um Geschmack und mehr um Handwerk. Wie präpariere ich eine Leinwand? Wie mische ich Farben aus Pigmenten? Wie hat Franz von Stuck seine Temperafarben hergestellt?
Diese Zeit war ungemein bereichernd. Ich profitiere noch heute von ihr und bin sehr dankbar für das praktische Wissen, das ich dort erlernen durfte.
3 – Claudine: Herzlichen Glückwunsch zum Titelmotiv für das Tollwood Sommerfestival 2026! Dein Werk bricht das anatomische Herz auf und lässt eine Wucht an Farben herausströmen – passend zum Motto „Rückeroberung der Empathie“. Wie lief die Umsetzung dieses emotionalen Themas ab, und wie fühlt es sich an, wenn dein Werk nun plötzlich das Münchner Stadtbild prägt?
Theresa Octavia Pfeiffer: Es ist ein echtes Glücksgefühl. Ich freue mich jedes Mal sehr, wenn ich mitten in München an einer „Wand voller Herzen“ vorbeilaufe. Das Tollwood begleitet mich schon seit Jahren kreativ. Das Herz ist bereits das vierte Motiv, das ich für das Festival kreieren durfte. Die Themen, die sich das Team rund um das Festival jedes Jahr ausdenkt, sind immer voller bunter Kreativität. Das Thema rund ums Herz hat mir als hoffnungsloser Romantikerin natürlich besonders gut gefallen.
Wie sagen die jungen Leute?
Ich hab‘s gefühlt.
Fotos: © Theresa Octavia Pfeiffer
4 – Claudine: Wenn man durch deinen Instagram-Kanal scrollt, wird man von einer unglaublichen Farbdynamik mitgerissen. Wer deinen Bildern im echten Leben begegnet, fühlt sich – gerade hier in München – schnell an die expressionistische Wucht des „Blauen Reiters“ im Lenbachhaus erinnert. Ist diese Epoche eine bewusste Inspirationsquelle für dich, oder woher kommt diese Sehnsucht nach so leuchtenden, reinen Farben?
Theresa Octavia Pfeiffer: Ja, meine Inspiration finde ich immer wieder bei den Künstlerinnen und Künstlern, die sich in der Zeit des späten Impressionismus und frühen Expressionismus von einer naturalistischen Darstellung der Wirklichkeit abgewandt haben. So war es auch bei mir – quasi im Zeitraffer.
Ich habe meinen künstlerischen Weg mit hyperrealistischen Malereien im Großformat begonnen. In erster Linie, weil ich neugierig war, ob ich diesen Grad der handwerklichen Versiertheit meistern kann. Schnell merkte ich, dass dieser Stil nicht meine künstlerische Stimme sprechen lässt. Meine Ideen sind oft impulsiv. Sie müssen raus, solange sie noch heiß sind – schnell und dynamisch. So bin ich zu dem Stil gekommen, den du heute siehst. Die bunten Farben zeigen die Welt, wie ich sie mit dem Herzen sehe.
5 – Claudine: Deine Portraits wirken oft modern, fast popkulturell, strahlen aber gleichzeitig eine tiefe, zeitlose Melancholie oder Stärke aus. Wer sind diese Menschen, die du malst? Haben sie reale Vorbilder oder entspringen sie reinen Gefühlswelten?
Theresa Octavia Pfeiffer: Das ist unterschiedlich. Für manche Malereien realisiere ich Fotoshootings mit echten Modellen. Andere Motive setze ich digital aus meinem Fundus analoger und digitaler Fotografien zusammen.
Für eine besondere Werkserie, die bald auf Schloss Hohenstein in Ahorn bei Coburg zu sehen sein wird, arbeite ich beispielsweise mit historischen Dokumenten, alten Sagen und Märchenbüchern. Mittlerweile habe ich eine große physische Bibliothek mit teils antiquarischen Büchern, die Menschen, Tiere, Pflanzen und Gebäude abbilden.
Und oft stehe ich auch selbst als „Basisfigur“ für bestimmte Posen Modell.
Welche Bilder das sind, bleibt natürlich geheim.
6 – Claudine: Auf deinen Instagram-Beiträgen sieht man, dass deine Figuren oft vor sehr dynamischen, fast abstrakten Farbräumen stehen. Mal scheinen sie mit dem Hintergrund zu verschmelzen, mal heben sie sich stark davon ab. Wie entscheidest du, wie viel Raum du der Figur und wie viel Raum du der reinen Farbfläche gibst?
Theresa Octavia Pfeiffer: Das ist jedes Mal ein Prozess, der sich vor der Leinwand entfaltet. Ich kann genau spüren, wann beim Malen der Moment kommt, in dem es nicht mehr um das Motiv geht, sondern darum, ob die Farben nebeneinander funktionieren oder nicht.
Für den Betrachter wäre es sicher amüsant zu sehen, dass meine Arbeit zu einem großen Teil aus angestrengtem Starren auf die Leinwand besteht.
Ich finde, die Zornesfalte zwischen den Augenbrauen sollte eigentlich Künstlerfalte heißen.
7 – Claudine: Ein Blick auf deine jüngsten Arbeiten zeigt eine enorme künstlerische Reife und eine klare visuelle Identität. Wie blickst du selbst auf deine Entwicklung in den letzten Jahren zurück? Gab es einen bestimmten Schlüsselmoment, in dem du deine heutige, farbintensive Bildsprache gefunden hast?
Theresa Octavia Pfeiffer: Für mich war es rückblickend entscheidend, immer weiterzumachen. Das war nicht immer einfach. Der kreative Prozess ist stark mit der persönlichen Stimmung verbunden, und ich habe oft an meiner künstlerischen Sprache gezweifelt. Ich bin ein verspielter Mensch, der das manchmal vergisst.
Einen Riesensprung in meiner künstlerischen Entwicklung habe ich gemacht, als ich für ein paar Monate Techniken, Farben und Formate absichtslos gemischt habe – bewusst mit dem Ziel, nichts Präsentables zu schaffen. Da habe ich die Magie wiedergefunden.
Das war vor etwa zwei Jahren.
8 – Claudine: Wie entsteht ein neues Werk bei dir im Atelier? Beginnt alles mit einer konkreten Skizze und Farbauswahl, oder lässt du dich eher intuitiv von der Leinwand und der Dynamik des Moments leiten?
Theresa Octavia Pfeiffer: Die erste Idee begegnet mir meistens überraschend, in einem Gedicht, bei einem Spaziergang im Wald oder im Traum. Das Motiv entsteht dann zunächst in Skizzen. Ich liebe es, mit kleinen gezeichneten Miniaturen zu beginnen, weil mich das an meine Kindheit erinnert.
Ich saß stundenlang in meinem Zimmer und habe kleine Bilder gemalt. An der Leinwand, wenn Formen und Motiv stehen, wird es dann intuitiver. Die Farben setze ich im Moment, so wie die Gestaltung es verlangt. Der Kopf macht die Formen, das Herz sieht die Farben.
9 – Claudine: Kunst transportiert immer auch Werte. Wenn du deine aktuelle Kunstszene betrachtest: Welche Botschaft oder welches Gefühl möchtest du den Menschen da draußen in der heutigen Zeit durch deine Bilder mitgeben?
Theresa Octavia Pfeiffer: Ich möchte besondere Momente einfangen.
Gerade weil sie vergänglich sind, werden sie wertvoll. Die Endlichkeit unseres Daseins verbindet uns alle.
Als Malerin versuche ich trotz dieser Tatsache, besondere Augenblicke festzuhalten und den Betrachter auf eine Entdeckungsreise zu schicken. Meine Werke sind wie Zeitkapseln. Die Zeit steht still – für ein paar Momente.
Deshalb liebe ich auch gute Porträts so sehr. Ein Mensch, sein Blick, seine Seele – eine Malerei hält all das oft besser fest als ein Foto.
Fotos: © Theresa Octavia Pfeiffer
10 – Claudine: Der Blick geht nach vorne: Für 2027 steht bereits deine große Ausstellung im Schulmuseum in Ichenhausen in Kooperation mit dem Bayerischen Nationalmuseum München in den Startlöchern. Kannst du uns schon einen kleinen Einblick geben, was uns dort erwartet?
Theresa Octavia Pfeiffer: Die Ausstellung mit dem Titel „HELDINNEN – Mutige Frauen. Starke Vorbilder“ ist ein echtes Herzensprojekt. Ich zeige in dieser Ausstellung expressive Malereien von starken Frauen, die eine einzigartige Geschichte zu erzählen haben.
Im Bayerischen Schulmuseum unter der Leitung von Johanna Haug können diese Heldinnen auch für Kinder und Jugendliche erfahrbar gemacht werden. Das freut mich besonders. Das Bayerische Nationalmuseum unterstützt uns dabei, teils unbekannte Geschichten einzigartiger Frauen wiederzuentdecken.
Und auch der Bezug zum Hier und Jetzt wird spannend: Für die Ausstellung habe ich die Ehre, die Kapitänin der deutschen Nationalmannschaft und FC-Bayern-Spielerin Giulia Gwinn als modernes Role Model zu porträtieren.
11 – Claudine: Mein Blog-Motto lautet „Kunstliebhaberin, keine Kunstkritikerin“. Was wünschst du dir von Menschen, die deinen Bildern auf Instagram oder in Ausstellungen begegnen? Wie sollten sie deiner Kunst entgegentreten?
Theresa Octavia Pfeiffer: Wenn ich es mir wünschen dürfte, dann sollte sich meine Kunst anfühlen wie ein warmer Regen für die Sinne: Freude an Farben und Formen. Ein Spaziergang in einem geheimen Garten. Ein unerlaubter Mittagsschlaf. Mit dem Kopf unter Wasser tauchen. Hunger haben und reinbeißen. Ein Blick, der jedes Wort ersetzt.