Nudeln &
Louboutins

Die Erotik des Alltäglichen

Künstlerinterview:
11 Fragen an
Michael Griesbeck

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Fotos: © Michael Griesbeck

Zwischen Baustahlmatten und High-End-Ästhetik: Ein Nachmittag mit Michael Griesbeck

Was passiert, wenn die kühle Präzision eines Immobilien-Profis auf die ungezähmte Leidenschaft eines Action-Painters trifft? Wenn teure Designer-Stilettos nicht über glattes Parkett schreiten, sondern als „Wurfgeschosse“ Farbe auf Leinwände katapultieren?

Michael Griesbeck ist ein Künstler der Extreme. Im Berufsleben Prokurist eines großen Immobilienunternehmens, verwandelt er sich in seinem Atelier in einen leidenschaftlichen Performer. Er klebt hunderte Nudeln auf Leinwände, nur um sie anschließend mit roher Gewalt abzuschleifen, oder nutzt Louboutin-Schuhe als Pinsel-Ersatz. Das Ergebnis? Werke von einer haptischen Tiefe und einer fast schon greifbaren Erotik des Alltags.

Ich kenne Michael als einen Menschen, der den Genuss und die Qualität in allen Lebenslagen liebt – sei es in der Architektur, in der Kulinarik oder in der Kunst. In unserem Interview sprechen wir über den Luxus der Ehrlichkeit, die Faszination von „Shoetime“ und warum seine neueste Serie „Shibari“ sogar mich kurz den Atem anhalten ließ. Taucht ein in die Welt von „Nudeln & Louboutins“!

1. Die zwei Welten
Claudine: Lieber Michael, im Berufsalltag bewegst du dich in der Welt der High-End-Immobilien und klaren Zahlen – im Atelier regiert die Sinnlichkeit der Form. Brauchst du die kühle Struktur des Prokuristen, um die volle Freiheit der Kunst überhaupt genießen zu können?

Michael Griesbeck: Was für eine tiefgreifende Eröffnung, Claudine!
Ich versuche es einmal so zu beantworten: In meinen Augen lebt das wirklich symbiotisch, und so führt das eine unweigerlich zum anderen. Ich erlebe auch als Prokurist eines familiengeführten Immobilienkonzerns keine reine Kühle und nur bedingt starre Strukturen. Stattdessen lebe ich die Dinge auf eine sehr menschliche Art und bin dort oft nicht minder kreativ.

Im Unternehmen lieben wir im Übrigen ebenfalls die Kunst; wir sehen unsere Häuser gar als komplexe Kunstwerke. Es ist ein Zusammenspiel von Architektur und dem Bedürfnis des Menschen nach Raum, in dem er sich wohlfühlen kann. Auch in diesen Räumen leben wir die Kunst, umgeben uns mit ihr und suchen dabei das Menschsein.

In meinen Augen ist das auch ein Grund, warum eine Immobilie – abgesehen von rationalen Parametern – überhaupt angenommen wird.

Insofern betrachte ich meine Kunst womöglich als die Steigerung über das Berufliche hinaus – ähnlich der Spitze von Maslows Bedürfnispyramide*: der Selbstverwirklichung.

*Die Maslowsche Bedürfnispyramide: Das Modell des US-Psychologen Abraham Maslow (1943) beschreibt unsere menschlichen Bedürfnisse und Motivationen in einer hierarchischen Struktur. Man kann es sich wie ein Haus vorstellen:
• Das Fundament: Ganz unten stehen die physiologischen Grundbedürfnisse (Essen, Schlaf) und das Bedürfnis nach Sicherheit (ein Dach über dem Kopf).
• Die Etagen: Darauf bauen soziale Bedürfnisse (Zugehörigkeit) und Individualbedürfnisse (Anerkennung, Erfolg) auf.
• Das Dachgeschoss: An der obersten Spitze steht die Selbstverwirklichung. Hier geht es darum, das eigene Potenzial voll auszuschöpfen und der Kreativität freien Raum zu lassen.

2. Die Entdeckung des Genusses
Claudine: Deine Motive sind oft Dinge, die man „verzehren“ möchte – sei es kulinarisch oder optisch. Erinnerst du dich an den Moment, in dem dir klar wurde, dass eine einfache Nudel die gleiche ästhetische Wucht haben kann wie ein Design-Objekt?

Michael Griesbeck: Herrlich, eine „ästhetische Wucht“ …
nun, ich empfand mich offen gestanden diametral dagegen.

Es war weniger ein „mir-klar-werden“, sondern damals eher eine Art unwissender, experimenteller Ausbruch. Mein Motiv war Neugierde, Wiedererkennung, der Wunsch, gesehen zu werden und eine eigene Handschrift zu entwickeln.

Es war eine Lust, anders zu sein.

Ich wollte dabei ein gehobenes, ästhetisches Niveau zeigen und den Weg des Ersten gehen – den Weg der Alleinstellung. Die angedeutete Wucht erfasse ich erst so langsam; insbesondere jetzt, da ich nach rund 150 Pasta-Arbeiten mein erstes offizielles Buch über meine Gedanken rund um die Nudel schreibe.

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Action Painting

Fotos: © Michael Griesbeck

3. Wert und Beständigkeit
Claudine: Du lebst ein Leben zwischen Luxus-Immobilien und Atelier-Staub. Ist Kunst für dich der ultimative Luxus, weil sie – im Gegensatz zu Immobilien – keinen Nutzwert haben muss, sondern „nur“ existiert, um zu begeistern?

Michael Griesbeck: Du überschätzt mich ein wenig, denn ich lebe ein ganz normales Leben. Es gab Zeiten, da konnte ich mir Bilder, die mir gefielen, nicht leisten. Das hat sich zwischenzeitlich zwar geändert, aber ich brauche den Luxus nicht, um mich zu spüren.

Für mich ist eher das Fühlen ein Luxus. Ich halte es für einen Irrglauben in unserem Wertesystem, dass Luxus etwas an sich „besser“ macht.

Ja, ich mag ein gewisses Niveau, schätze insbesondere gute Umgangsformen, Empathie und Respekt. Wenn ich mich in der Kunst bewege, sehe ich den Menschen ganz ohne Fassade. Es wird ehrlich – wir alle kochen nur mit Wasser. Dabei eröffnet sich so viel authentische Ehrlichkeit. Kunst hat in meinen Augen etwas zutiefst Ehrliches … vielleicht ist genau das der wahre Luxus.

Foto: © Michael Griesbeck

4. Die unsichtbare Muse
Claudine: Die Schönheit der Frau ist eine zentrale Inspirationsquelle für dich. Wie fließt diese Bewunderung in deine Bilder der Serie „Shoetime“ ein, auch wenn die Frau selbst vielleicht gar nicht im Bild zu sehen ist, sondern nur ihre „Spuren“ (wie die Louboutins)?

Michael Griesbeck: Ich finde, dass Erotik ein Motiv zum Leben ist. Genau diese Lust stellt eine Energie dar, die uns seit Jahrtausenden antreibt.

Vielleicht habe ich von Haus aus ein wenig viel Testosteron, aber die sinnlich-lustvolle Verbindung zwischen zwei Menschen ist und bleibt in meinen Augen einer der wichtigsten Antriebe der menschlichen Existenz.

Das führt bei mir indirekt zur Malerei und oft zum fertigen Bild, in dem ich versuche, mich auszuleben oder meine Gedanken auszudrücken.

5. Der Louboutin als Wurfgeschoss
Claudine: In deiner „Shoetime“-Serie nutzt du High Heels nicht zum Laufen, sondern zum „Action Painting“. Du klatschst und wirfst mit teuren Schuhen Farbe auf die Leinwand. Ist das ein Befreiungsschlag gegen die Etikette oder die pure Lust am kreativen Exzess?

Michael Griesbeck: Beim Malen mit dem High Heel steht – wie in all meinen Serien – eine Botschaft und ein Konzept dahinter. Der Schuh dient dabei als eine Art Katalysator, wird instrumentalisiert und letzten Endes selbst zum Kunstwerk – sozusagen eine eigenständige Skulptur. Der Hintergrund war Corona, eine Zeit des maximalen Verlustes an Lebensqualität. Ich suchte einen Weg, das auszudrücken, was mir insbesondere nach der Pandemie fehlen würde: der High Heel.

Denn mir war früh klar: Corona ebnet den Weg zur Sneaker-Kultur noch ein ganzes Stück mehr.
6. Das Skelett der Kunst
Claudine: In deinen Werken von „Under Construction“ finden sich reliefartige Gitterstrukturen, die an Baustahlmatten erinnern. Ist das die bewusste Brücke zwischen deinen beiden Leben – das stabile Fundament der Immobilienwelt trifft auf die ungezähmte Energie der Malerei?

Michael Griesbeck: Die Simulation von Baustahlmatten, umgesetzt durch verrostete Seile, ist definitiv eine Anspielung auf meine Immobilienwelt. Zum einen, weil mir bereits 2017 klar war, dass wir „an die Wand klatschen“ wie Jackson Pollock*, wenn wir so weitermachen wie bisher. Zum anderen konnte ich mit dieser Serie verkaufstechnisch unweigerlich in meinem eigenen Terrain punkten.

*Jackson Pollocks Leben endete so dramatisch, wie er seine Leinwände bearbeitete. Am 11. August 1956 verunglückte das „Enfant terrible“ der Kunstwelt tödlich, als er mit seinem Wagen auf Long Island von der Straße abkam. Der Unfall, bei dem auch eine Mitfahrerin ums Leben kam, markierte das frühe Ende des erst 44-jährigen Ausnahmekünstlers, der mit seinem impulsiven Action Painting die Kunstgeschichte für immer veränderte.

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Fotos: © Michael Griesbeck

7. Zerstörung und Vollendung
Claudine: Bei deinen „Noodles“ klebst du hunderte Nudeln auf, nur um sie dann mit Schleifgeräten wieder zu bearbeiten. Warum muss das Material erst diese „Tortur“ des Abschleifens durchlaufen, bevor es in glänzendem Resin seine endgültige Würde findet?

Michael Griesbeck: Nun, weil man sie sonst gar nicht erst sehen könnte! Der Beginn von „Noodles“ waren in Ölspachtelmasse eingebettete Nudeln. Um diese wieder sichtbar zu machen, bedarf es dieses Prozesses. Er dient dazu, das Muster und den Querschnitt freizulegen. Im weiteren Verlauf geht es dann sogar so weit, von der Dreidimensionalität in die Zweidimensionalität zu denken und sich über die Pasta-Querschnitte künstlerisch auszudrücken.

8. Der Vollblut-Performer im Rampenlicht
Claudine: Du machst aus der Entstehung deiner Werke oft Live-Events. Was gibt dir die Interaktion mit dem Publikum in dem Moment, in dem die Farbe fliegt? Brauchst du den Adrenalinkick der Performance als Kontrast zum eher strukturierten Büroalltag?

Michael Griesbeck: Ja, ich suche mich oft selbst, und in der Live-Interaktion kann ich mich noch intensiver spüren. Es ist eine Art Dialog, der den kreativen Prozess unmittelbar einsehbar macht, aber auch die Anspannung auslöst, Fehler vermeiden zu wollen. Insofern: Ja, der Lohn ist durchaus Adrenalin. Eine zweite Komponente hält dabei Einzug: das Marketing. Ich finde es spannend, direkt mit den Menschen im Kontext der Marktteilnahme ein anderes Bewusstsein zu schaffen.

Man sieht durch das Live-Painting, wie viel Arbeit oft hinter den Bildern steckt – ganz anders, als es kurze Videos vermuten lassen.
9. Zwischen Speed und Stille
Claudine: Action Painting ist schnell und explosiv, das Schleifen und Gießen von Resin erfordert enorme Geduld und Zeit. Wie hältst du die Balance zwischen diesen beiden extremen Geschwindigkeiten in deinem Schaffensprozess aus?

Michael Griesbeck: Offen gestanden ist das ganz einfach: Ich male oft parallel in beide Richtungen. Je nachdem, wie ich mich fühle, setze ich den Schwerpunkt. Oder eben je nachdem, wie der Markt mich einfordert – denn auch der wirtschaftliche Erfolg nimmt unweigerlich Einfluss darauf, wie man eine neue Art der Balance findet.

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10. Der Blick nach vorn
Claudine: Du bist ein Künstler, der das Experiment und die Grenzüberschreitung liebt. Gibt es eine Technik, ein Material oder ein völlig neues Thema, das dich reizt und das du in Zukunft unbedingt noch „unter Konstruktion“ nehmen möchtest?

Michael Griesbeck: Ja, das gibt es.

Meine jüngste Serie heißt „Shibari“ – eigentlich wieder eine Maltechnik, bei der es um Seile geht.

Hier versuche ich jedoch, den Moment der Fesselung zweier Menschen zu konservieren. Ich habe mich hierzu mehrfach selbst fesseln lassen; ein spannender, sinnlicher und auch erotischer Dialog über die Abgabe von Verantwortung und das Übertragen von Macht bis hin zur eigenen Ohnmacht. Die Seile aus diesem Bondage versuche ich im Anschluss auf die Leinwand zu transformieren.

11. Die Essenz des Herzschlags
Claudine: Michael, wenn du dich entscheiden müsstest: Wo schlägt dein Herz am lautesten? Bei einem atemberaubenden Ausblick von einer deiner Dachterrassen, an einem perfekt gedeckten Pasta-Tisch oder vor einer weißen Leinwand, die darauf wartet, von dir bespielt zu werden?

Michael Griesbeck: Das ist einfach.

Ich nehme dich einfach zum Essen auf die Dachterrasse mit!

Alleine zu essen ist ohnehin fade. Dabei schlägt das Herz unweigerlich schneller … und die daraus entstandenen Eindrücke geben mir die Energie und die Lust, mich im Anschluss auf die nächste Leinwand einzulassen.

Lieber Michael, wenn du dich – trotz deiner Vorliebe für High-Heels – mit einer Frau, die auch der „Sneaker-Kultur“ durchaus zugeneigt ist, gerne triffst, freue ich mich schon heute auf deine Einladung!
Tausend Dank für unser Treffen in deinem Atelier und dieses grandiose Interview! Ich liebs.
Claudine