Bildnachweis: © Helena Bednorz – mit freundlicher Genehmigung

Hauchzarte Welten aus Kaffee & Kohle

11 Fragen an Künstlerin Helena Bednorz

Es gibt Kunstwerke, die uns nicht anschreien, sondern uns leise zu sich herüberwinken. Die Arbeiten von Helena Bednorz gehören genau in diese Kategorie. Mit einer fast schon alchemistischen Hingabe kombiniert sie Materialien, die gegensätzlicher kaum sein könnten: das Flüchtige, Alltägliche des Kaffees und die erdige, archaische Kraft der Kohle.

In ihren Werken begegnen uns Frauenfiguren, die wirken, als stünden sie an der Schwelle zwischen Erscheinen und Verschwinden. Sie sind fragil und doch von einer unbeugsamen Präsenz. Es sind Bildnisse, die in „Zwischenwelten“ wandeln und uns dazu einladen, das Tempo zu drosseln und genau hinzusehen.

Ich wollte wissen, was diese Figuren antreibt, wie viel von der Künstlerin selbst in den verschleierten Blickfängen steckt und wie sie den Spagat zwischen analogem Handwerk und einer digitalisierten Kunstwelt meistert.

1. Der Zauber des ersten Augenblicks 

Claudine: Liebe Helena, deine Arbeiten haben eine ganz eigene, fragile Präsenz. Wenn ein Betrachter zum ersten Mal vor einem deiner Werke steht, was ist das erste Gefühl oder der erste Gedanke, den du bei ihm auslösen möchtest?

Helena Bednorz:

Ich denke nicht bewusst darüber nach, was ich im Betrachter auslösen möchte. Ich male zunächst einfach, weil ich es will, nicht weil ich etwas hervorrufen möchte, eher, weil die Idee raus muss. Die Leinwand ist für mich nur bedingt ein Ort der Planung. Oft beginne ich mit einer waagen Vorstellung, doch während des Malens verändert sich das Bild eh. Farben gehen eigene Wege, kommen ins Bild oder gehen, Motive  entstehen, die ich vorher nicht ganz so gedacht habe. Manchmal überrascht mich das Ergebnis – manchmal fordert es mich heraus, es anzunehmen.

Am Ende suche ich nicht bewusst den Applaus. Ich suche diesen stillen Moment, in dem ich vor meinem Werk stehe und sagen kann: So ist es richtig. Meine Zufriedenheit ist dann mein Maß. Und doch berührt es mich sehr, wenn ich in Betrachtern mit meinen Bildern echte Emotionen auslöse.

2. Das ewige Motiv: Die Frau

Claudine: In deinem Werk stehen Frauenbildnisse absolut im Mittelpunkt. Was ist es, das dich an der weiblichen Physiognomie und Ausstrahlung so fesselt? Suchst du in diesen Gesichtern und Körpern nach Antworten auf Fragen, die dich selbst betreffen, oder sind sie Projektionsflächen für allgemeingültige Emotionen?

Helena Bednorz:

Ich glaube, diese Entscheidung geschieht weniger bewusst, als man vermuten würde. Die Beschäftigung mit der Frau ist für mich auch eine stille Auseinandersetzung mit meiner eigenen Frauenrolle. Mit all den Bildern, Erwartungen und inneren Stimmen, die damit verbunden sind.

Die Frau ist für mich ein zutiefst ästhetisches Wesen – nicht im oberflächlichen Sinn, sondern in ihrer Vielschichtigkeit, in ihrer Verletzlichkeit und Stärke zugleich. In ihren Gesichtern und Körpern liegt eine Klarheit, die mich anzieht. Vielleicht gerade deshalb, weil ich selbst so viele Rollen trage: Künstlerin, Frau, Beobachterin, Suchende.

Und ja – manchmal male ich, um mir selbst Fragen zu beantworten. Oder zumindest, um sie sichtbar zu machen. Diese Frauen sind keine reinen Projektionsflächen für allgemeine Gefühle, sondern auch Spiegel. In ihnen versuche ich, mich selbst ein wenig besser zu verstehen.

Kunstwerk von Helena Bednorz – Coffee Charcoal Art Frau mit Hund

Bildnachweise: © Helena Bednorz – mit freundlicher Genehmigung

Kunstwerk von Helena Bednorz – Coffee Charcoal Art Frau mit Hund

3. Spiegelbild oder Archetyp? 

Claudine: Wenn du eine Frau malst: Entstehen diese Figuren aus deinem Gedächtnis, nutzt du Modelle, oder sind es eher innere Selbstporträts, die in verschiedenen Masken erscheinen? Wie viel von Helena steckt in jeder dieser fragilen Gestalten?

Helena Bednorz:

Meist entstehen diese Frauen aus einer Mischung aus Erinnerung, Beobachtung und innerem Bild. Manchmal gibt es ein reales Modell, manchmal nur eine vage Ahnung eines Gesichts, das sich während des Malens formt. Doch ganz gleich, wo der Anfang liegt – am Ende tragen sie immer etwas von mir in sich.

Es sind keine klassischen Porträts und doch auch keine reinen Erfindungen. Fragmente meiner Gedanken, meiner Inspirationen, vielleicht auch meiner Sehnsüchte.

Wie viel von mir in ihnen steckt, kann ich selbst oft erst später erkennen. Vielleicht ist es ein Blick, eine Haltung, eine Stimmung. Vielleicht ist es mehr. Aber sicher ist: Jede dieser weiblichen Gestalten trägt ein Stück meiner eigenen Geschichte in sich – auch wenn sie auf den ersten Blick jemand anderes zu sein scheinen, so tragen sie meine Emotionen und Gedanke und meine Handschrift in sich.

4. Die Balance zwischen Macht und Verletzlichkeit 

Claudine: Deine Figuren wirken oft sehr zart und fragil. Doch oft liegt in dieser Zurückhaltung eine enorme Präsenz. Wie balancierst du im Malprozess diese Momente aus – wann wird aus einer feinen Linie eine starke Aussage, und wie verhinderst du, dass die Zartheit ins Dekorative kippt?

Helena Bednorz:

Die Angst vor dem Dekorativen begleitet mich tatsächlich ständig. Vor diesem Kippen ins Hübsche, ins Kitschige, in etwas, das zwar gefällt, aber nichts mehr erzählt. Vielleicht ist genau diese Angst mein wichtigster Schutz.

Um ihr zu entgehen, versuche ich mir während des Malens vorzustellen, was die Frau, die da entsteht, gerade denkt oder fühlt. In dem Moment wird sie für mich nicht mehr nur Form oder Motiv, sondern ein Wesen mit innerem Leben. Das verleiht der Linie Gewicht, selbst wenn sie ganz fein bleibt.

Vieles von dieser Balance geschieht jedoch unbewusst. Ich entscheide nicht bewusst: Hier soll sie stark sein, dort verletzlich. Es ist eher ein ständiges Tasten zwischen beiden Polen. Denn ich empfinde Frauen als zugleich zart und unglaublich mächtig – ein vermeintlich schwaches Geschlecht, das in Wahrheit eine enorme innere Kraft trägt.

Und doch gelingt mir diese Balance nicht in jedem Bild. Manche Arbeiten bleiben näher am Stillen, andere kippen vielleicht zu sehr in eine Richtung. Auch das gehört für mich zum Prozess: zu akzeptieren, dass nicht jedes Bild dieselbe Spannung trägt.

5. Die Haptik der Melancholie

Claudine: Helena, du hast eine ganz besondere Technik für dich entdeckt: die „Coffee Charcoal Art“.  Beides sind Materialien, die eine gewisse Vergänglichkeit ausstrahlen. Inwiefern unterstützt die Haptik dieser Materialien – Kaffee und Kohle – die emotionale Tiefe deiner Frauenbildnisse? Ist das Material für dich ein Mitspieler, der die Zerbrechlichkeit deiner Motive unterstreicht? Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Liaison?

Helena Bednorz:

Es war tatsächlich eher ein Zufall als eine bewusste Entscheidung. Ich war auf der Suche nach einer Leichtigkeit in der Malerei, die eher eine Zeichnung bietet. Mit Öl auf Leinwand gelang mir das lange nicht, es fühlte sich zu schwer an, zu endgültig. Also begann ich zu tasten, zu experimentieren, ohne genau zu wissen, wonach ich eigentlich suchte.

So entdeckte ich den ungrundierten Leinwandstoff als meinen Raum. Ein Material, das nichts verbirgt, das alles sofort preisgibt. Denn du kannst es nicht „überarbeiten / Stellen übermalen“. Ich begann darauf zu zeichnen – und irgendwann kam der Kaffee dazu. Vielleicht gerade deshalb, weil er sich so schlecht kontrollieren lässt. Weder Form noch Farbe lassen sich wirklich steuern, sie verlaufen, überlappen, verblassen, verändern sich. Dieses Unberechenbare hat mich sofort fasziniert. Die Vergänglichkeit ist für mich ein wesentlicher Bestandteil von Melancholie – mein ständiger innerer Begleiter. 

Der Kaffee erzeugte eine fragile, fast „gecraftete“ Atmosphäre, fast wie die Atmosphäre auf den alten vergilbten Fotos und passte somit plötzlich genau zu dem, was ich ohnehin in mir trug und zum Ausdruck bringen wollte. Bewusst oder unbewusst wurde das Material zu einem Mitspieler. Es unterstreicht die Zerbrechlichkeit meiner Figuren, ihre Vorläufigkeit, ihr Schweben zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden.

So ist diese Liaison entstanden: nicht geplant, sondern eher gefunden.

6. Raum und Auflösung 

Claudine: Oft scheinen deine Figuren mit dem Hintergrund zu verschmelzen oder sich aus ihm herauszulösen. Welchen Stellenwert hat der „leere“ Raum in deinen Bildern? Muss eine Figur für dich immer eingebettet sein, oder könnte sie auch ganz allein im Nichts bestehen?

Helena Bednorz:

Da die Frauenfiguren in meinen Bildern die Hauptdarstellerinnen sind, ordnet sich alles andere ihnen sozusagen unter – auch der Raum. Die Fläche ist für mich kein neutraler Hintergrund, sondern ein bewusster Zuspieler, der die Figur trägt, stützt und manchmal auch herausfordert.

Gerade weil die Figuren im Zentrum stehen, bekommt der Raum eine besondere Bedeutung. Er trägt Farbe und Formen, und damit Stimmungen. Oft gibt er vor oder unterstreicht, in welcher emotionalen Atmosphäre sich die Figur bewegt. Er kann sie schützen oder freistellen, sie bedrohlich wirken lassen, oder sie zurückdrängen. Er nimmt ihr jedoch nie die Hauptrolle weg. 

Der Raum ist also ein wichtiges Element, weil er das Unsichtbare sichtbar macht. Ohne ihn würde der Figur etwas fehlen – nicht als Rahmen, sondern als Resonanzraum, in dem sie überhaupt erst ihre volle Präsenz entfalten kann.

7. Handwerk vs. Algorithmus

Claudine: Wir leben in einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz (KI) beginnt, die Kunstwelt zu fluten. Wie stehst du dazu? Könntest du dir vorstellen, KI in deinen Prozess einzubinden?

Helena Bednorz:

Nein – ich brauche sie nicht. Und ehrlich gesagt wüsste ich nicht einmal, was ich einer KI sagen müsste, damit etwas entsteht, das wirklich „mein“ Bild wäre. Mein Prozess lebt von Unsicherheit, von Zufällen, von dem Moment, in dem meine Hand etwas anderes tut, als mein Kopf vielleicht geplant hat. Das lässt sich nicht formulieren, nicht programmieren.

Deshalb habe ich auch keine Angst davor. Meine Kunst ist keine reine Dekoration. Sie lebt von meiner Handschrift, von meinen inneren Bewegungen. Von Dingen, die sich nicht in Befehle übersetzen lassen.

8. Die Reise zur Künstlerin 

Kunstwerk von Helena Bednorz – Coffee Charcoal Art

Bildnachweis: © Helena Bednorz – mit freundlicher Genehmigung

Claudine: Du blickst heute auf eine klare künstlerische Identität. Wenn du zurückschaust: Gab es einen Punkt in deiner Karriere, an dem du wusstest: „Jetzt bin ich angekommen“? Oder ist das Künstlerin-Sein für dich ein lebenslanger Wandlungsprozess, in dem die fortwährende Suche eigentlich die größte Triebfeder für deine Kreativität ist?

Helena Bednorz:

Ich glaube nicht, dass es diesen einen Moment des Ankommens gibt. Zumindest für mich. 

Für mich ist das Künstlerin-Sein ein ständiger Prozess – eine fortwährende Suche, ein permanentes Sich-Verbessern, ein ständiger Wandel. Nichts bleibt stehen, etwas kommt dazu, wird anders ausgeführt und genau darin liegt für mich auch die größte Triebfeder meiner Arbeit.

Mit diesem Prozess gehen jedoch immer auch Zweifel und Unsicherheit einher. Sie sind keine Hindernisse, sie sind stille Begleiter. Sie halten mich wach, sie zwingen mich weiterzugehen, nicht bequem zu werden. Ich fühle mich noch lange nicht angekommen. Und wahrscheinlich werde ich es auch nie sein. Vielleicht werde ich mit der Zeit ruhiger, gelassener im Umgang mit mir selbst. Aber „angekommen“ – im Sinne eines endgültigen Ziels – das bin ich nicht. Und vielleicht ist genau das, was mich als Künstlerseele ausmacht.

9. Erfolg und Erwartung

Claudine: Hand aufs Herz: Bist du heute da, wo du als Künstlerin immer sein wolltest? Wie gehst du mit dem Druck um, einerseits deinem Stil treu zu bleiben und andererseits im Kunstmarkt sichtbar und erfolgreich zu sein?

Helena Bednorz:

Mal ganz ehrlich: Den Druck mache ich mir wahrscheinlich größtenteils selbst.

Ich bin kein stiller Mensch – ich lebe gern und intensiv. Ich mag natürlich auch Anerkennung, und ich weiß, dass eine gute finanzielle Situation mir genau die Freiheiten ermöglicht, die ich so sehr liebe.

Ich jage nicht dem nach, was auf dem regulären Kunstmarkt gerade gut ankommt.

Aber manchmal muss ich jonglieren und bewusst auch das zeichnen / malen, was ich gut verkaufen kann.

Bspw. „Frau und Hund“ ist ein Motiv das viel Anklang findet und es gibt mir den finanziellen Raum, mir eben an anderen Stelle kompromisslos treu zu bleiben.

10. Der Wert der Anerkennung 

Claudine: Deine Arbeiten finden viel Anklang, auch auf Social Media. Was bedeutet dir dieser Erfolg? Ist es die Bestätigung deiner Vision oder eher die Freiheit, die sie dir ermöglicht, weiterhin genau das zu tun, was du liebst?

Helena Bednorz:

Ich bin sehr dankbar für die Sichtbarkeit und den Zuspruch über Instagram. Beides bedeutet mir viel, weil es zeigt, dass meine Arbeiten Menschen erreichen.

Gleichzeitig gibt mir dieser Erfolg, diese Sichtbarkeit ganz konkrete Möglichkeiten – finanzielle, zeitliche und kreative. Manchmal leitet er auch mehr, als mir persönlich lieb ist. Ich versuche bewusst, diesem Impuls nicht immer zu gehorchen, sondern mir meine innere Richtung zu bewahren. Das zu tun, das vielleicht nicht den stärksten Anklang findet, aber das, was mich zufrieden stellt. 

Instagram führen an sich, empfinde ich als etwas sehr Kreatives. Gerade am Anfang war es für mich fast wie ein Tagebuch der Dankbarkeit – ein Ort, an dem ich Prozesse festgehalten und geteilt habe, an dem ich bewusst / achtsam auf mein Wirken geschaut hab. Und ich mag den Gedanken, dass es vielen Menschen erlaubt, einen ehrlichen Einblick in den Alltag einer Künstlerin zu bekommen: nicht nur meine fertigen Werke zu sehen, sondern auch die Wege, die Zweifel und die Entscheidungen dahin.

11. Das Unvollendete als Ziel 

Claudine: Gibt es ein Thema, ein Gefühl, einen Traum, dem du dich bisher noch nicht getraut hast, gegenüberzutreten? Was ist das nächste große Kapitel, das du auf deiner künstlerischen Reise aufschlagen möchtest?

Helena Bednorz:

Ich habe keine Angst davor. Ich traue mich, ich spüre, dass ich bereit bin diesen Weg zu gehen.

Ich sehne mich nach größeren Formaten, nach mehr Freiheit auf der Leinwand und in mir selbst. Danach, mich weniger zu begrenzen und mehr zuzulassen.

Es zieht mich in die Weite und ins Metropolitische – dorthin, wo Bewegung ist, Gefühl, Reibung, Leben. „Grenzenloser“ zu sein, unterwegs zu bleiben, künstlerisch wie persönlich.

Und da ist auch der Wunsch, Spuren zu hinterlassen. In Köpfen zu bleiben, in Gefühlen, in Erinnerungen. Nicht laut um jeden Preis, aber so, dass es eben bleibt, berührt.

Ich habe mich gefreut die Fragen beantwortet zu können, ich musste viel reflektieren und mich mit meinen Gefühlen und Gedanken auseinandersetzen. 

Vielen vielen Dank dafür ♥️

Liebe Helena, mein Dank geht an dich, für dieses tiefgründige, schöne Interview. Durch Beiträge wie diesen, weiß ich, warum ich diesen Kunstblog führe. Ich folge gespannt, mit großer Freude deinem weiteren, künstlerischen Weg!

Herzlichst Claudine