„Kunst
ist nicht weiß.“
Künstlerinterview
mit Hope Bartley –
11 Fragen über Identität, Männlichkeit und Natur
Heute freue ich mich besonders, euch einen Künstler vorzustellen, dessen Werke weit unter die Oberfläche gehen:
Hope Bartley
Geboren in Kingston, Jamaika, zog es ihn 2016 nach Deutschland, wo er am historischen Bauhaus in Dessau seinen Master in Architektur absolvierte. Heute lebt und arbeitet er in München.
Wer vor Hopes Mixed-Media-Arbeiten steht, spürt schnell, dass es hier nicht nur um Ästhetik geht. Er selbst nennt seine Bilder keine bloßen Gemälde, sondern „Essays“. Und genau das sind sie: In unzähligen Materialschichten – von Gips über Bitumen bis hin zu Erde – verhandelt er die großen, komplexen Fragen unserer Zeit. Es geht um das kritische Hinterfragen von Männlichkeit, um eine postkoloniale Sicht auf die Kunstgeschichte und um „Biophilia“, unsere tiefe, oft verlorene Verbindung zur Natur.
In unserem Interview sprechen wir über den Schmerz der Leidenschaft, das notwendige „Verlernen“ von Sehgewohnheiten und darüber, warum auch ein Schwarzer Körper in der Kunst einfach ein Subjekt sein darf, ohne sich erklären zu müssen. Taucht mit mir ein in die faszinierende Gedankenwelt von Hope Bartley.
1. Herkunft
Claudine: Du bist in Kingston, Jamaika, geboren. Inwiefern prägen die Farben / dein Stil, die Kultur und die Erinnerungen an deine Heimat deine heutige Kunst, besonders im Kontrast zu deinem jetzigen Leben in München?
Hope Bartley: Für mich begann Biophilia zunächst als ein Diskurs, den ich während meiner ersten Jahre in Deutschland immer stärker wahrgenommen habe. Mir ist aufgefallen, dass Menschen hier sehr oft von „der Natur“ sprechen, als wäre sie etwas, das außerhalb ihrer eigenen Sphäre existiert – irgendwo weit entfernt.
So habe ich Natur in Jamaika nie erlebt. Das Meer und die Berge waren nie weit weg, und der eigene Hof konnte sich manchmal schon wie ein kleines Stück Regenwald anfühlen.
In München habe ich gemerkt, dass mir diese unmittelbare, wilde Verbindung zur Natur fehlt. Zunächst habe ich deshalb angefangen, immer mehr Pflanzen in meiner Wohnung zu züchten. Und irgendwann kam die ganz natürliche Frage: Warum eigentlich? Warum habe ich dieses Bedürfnis, Natur in meinen eigenen Raum zurückzuholen? Genau aus dieser Frage heraus begann sich meine Auseinandersetzung mit Biophilia zu entwickeln.
Meine Herkunft spielt dabei eine wichtige Rolle – nicht unbedingt, weil ich einfach die Farben oder Landschaften Jamaikas abbilde, sondern weil die Erfahrung, Natur als selbstverständlichen Teil des Lebens zu verstehen, meine Wahrnehmung bis heute prägt.
2. Der Umbruch
Claudine: Du bist 2016 nach Deutschland gekommen und hast in nur zwei Jahren deinen Master in Architektur am historischen Bauhaus in Dessau absolviert. Wie fließt dieser sehr strukturierte, architektonische Blick in deine heutigen, doch sehr emotionalen und fließenden Mixed-Media-Werke ein?
Hope Bartley: Das Bauhaus hat mich stark geprägt, aber vielleicht weniger durch eine bestimmte Ästhetik als durch seine Haltung. Das Bauhaus entstand als Reaktion auf eine gesellschaftliche Situation, in der Ressourcen knapp waren und die Frage im Raum stand, wie man mit weniger mehr erreichen kann. Diese Idee, auf die Bedingungen der eigenen Zeit zu reagieren, ist für mich bis heute sehr wichtig.
Meine Auseinandersetzung mit Biophilia ist eigentlich eine Weiterführung dieses Gedankens. Heute erleben wir keinen Mangel an Baumaterialien im gleichen Sinne, aber einen zunehmenden Verlust an Naturraum.
Während meines Masterstudiums am Bauhaus in Dessau begann ich deshalb, gemeinsam mit meinem Professor Roger Bundschuh, darüber nachzudenken, wie Architektur und Natur symbiotischer miteinander verbunden werden können. Mich beschäftigte die Frage: Wenn Architektur Naturraum verbraucht, wie können wir diesen Naturraum innerhalb oder durch Architektur wieder ergänzen?
3. Der Prozess
Claudine: Auf deiner Website schreibst du: „Meine Bilder sind keine bloßen Gemälde, sondern Essays“. Kannst du uns mit in dein Atelier nehmen: Wie beginnst du einen solchen „Essay“ auf der Leinwand und wann weißt du, dass der letzte Gedanke – also der letzte Pinselstrich – gesetzt ist?
Hope Bartley: Meine künstlerische Praxis ist eigentlich aus freundschaftlichem Gequatsche entstanden. Wenn ich mich mit Freunden getroffen habe, hatten wir oft sehr intensive Diskussionen über gesellschaftliche, wissenschaftliche oder philosophische Themen.
Ich hatte meistens zu fast allem eine Meinung – allerdings selten aus dem Bauch heraus, sondern auf Basis von stundenlanger Recherche und mit Referenzen zu wissenschaftlichen Arbeiten.
Irgendwann haben einige Freunde scherzhaft zu mir gesagt: „Du solltest einfach ein Buch schreiben.“ Ich bin aber weder Autor noch Forscher oder Akademiker. Ich konnte jedoch immer zeichnen. Und ich dachte mir: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.
So sind meine Bilder zu einer Art Essays geworden. Ich beginne meist mit einer Frage oder einem Gedanken, nicht mit einem fertigen Bild. Während des Malprozesses verändert sich das Werk ständig. Ich hinterfrage, was ich gerade gemacht habe, und manchmal widerspricht der nächste Pinselstrich dem vorherigen Gedanken. Dieser dialektische Prozess ist für mich entscheidend.
Am Ende ist das Bild eine Art Amalgam – eine Komposition aus unterschiedlichen Bildern, Perspektiven und Gedanken, die miteinander in Beziehung stehen.
Wann ein Bild fertig ist, ist deshalb weniger eine technische Entscheidung als ein Gefühl, dass der Diskurs zu einem gewissen Punkt gekommen ist. Ich muss nicht das letzte Wort haben. Das Bild muss nur einen Punkt erreichen, an dem es selbstständig weiterdenken kann.
4. Das Material
Claudine: Jeder deiner Pinselstriche steht für Klarheit oder Verwirrung – ein Abbild menschlicher Gedanken. Wie wählst du deine Materialien aus, um diese ständige Evolution unserer inneren Welten spürbar zu machen?
Hope Bartley: Material ist für mich sehr wichtig. Meine ersten Bilder habe ich mit Gips gemalt, weil ich damals im Architekturbüro ständig Gipskarton-Details gezeichnet habe.
Ich wollte dieses eigentlich banale Material in der Malerei interessant machen. Von dort aus habe ich angefangen, mit Bitumen, Erde und anderen Naturmaterialien zu arbeiten.
Das Material bringt dabei immer eine eigene Haptik und Unberechenbarkeit in den Prozess und kann einen Gedanken verändern, während das Bild entsteht. Ich versuche dabei, möglichst nachhaltige und schadstoffarme Materialien zu verwenden.
Wenn es keine klare nachhaltige Alternative gibt, hinterfrage ich zumindest bewusst, warum ich dieses Material trotzdem verwende.
Bild : © Hope Bartley, Paradeisos 1 & 2, 2026, Oil on Canvas, 240cm x 160cm
Bild oben: © Hope Bartley vor seinem Bild, Paradeisos 1 & 2, in Entstehung
Bild oben: © Hope Bartley, Loverboy on the bank, 2026, Oil on Canvas, 90cm x 120cm
5. Das Zitat
Claudine: Auf deiner Homepage zitierst du den Schriftsteller Charles Bukowski: „Find what you love and let it kill you“. Was bedeutet dieser extreme, leidenschaftliche Satz für dich als Künstler? Ist die Kunst für dich auch manchmal ein innerer Kampf?
Hope Bartley: Kunst ist für mich immer auch ein Kampf. Ich kämpfe mit meinen eigenen Gedanken, aber vor allem mit dem Anspruch, ihnen treu zu bleiben und nicht einfach das zu machen, von dem ich denke, dass andere es cool oder interessant finden würden.
Es gibt Momente, in denen ich wirklich nicht mehr weiterweiß und das Gefühl habe, nicht mehr weitermachen zu können. Aber genau dort entsteht für mich oft die größte Entschlossenheit. Vielleicht liegt genau darin die Bedeutung dieses Satzes.
„Let it kill you“ beschreibt für mich das Leiden des Schaffens. Und eigentlich steckt dieses Leiden schon im Wort Leidenschaft selbst – das Leiden, das mit Leidenschaft verbunden ist.
Ist Leidenschaft nicht gerade etwas, das man trotz der Schwierigkeiten und des Schmerzes, die damit verbunden sein können, immer wieder durchlebt?
Liebst du deinen Partner nicht auch dann, wenn diese Liebe manchmal mit Schmerz verbunden ist?
Du akzeptierst diesen Schmerz, weil du weißt, dass dahinter etwas liegt, das für dich noch viel bedeutungsvoller ist.
6. Thema 1 – Postkolonialismus
Claudine: Du beschäftigst dich intensiv mit der komplexen Realität einer postkolonialen Welt und sprichst dabei von einem notwendigen, tiefen Prozess des „Verlernens“ (unlearning). Was genau musstest du verlernen, um zu deiner heutigen künstlerischen Stimme zu finden?
Hope Bartley: Was ich eigentlich verlernen musste, war mein eigenes Bild davon, wo mein Platz in der Kunstgeschichte ist. Als ich jünger war und mir Kunstgeschichte angeschaut habe, habe ich kaum Menschen gesehen, die so aussahen wie ich. Auch die dargestellten Körper und Gesichter waren überwiegend weiß. Deshalb habe ich irgendwann angefangen, Familienmitglieder und Freunde zu malen. Vielleicht war das zunächst auch ein unbewusster Versuch, dieses Ungleichgewicht auszugleichen.
Als ich nach Deutschland kam, wurde ich dann immer wieder mit der Frage konfrontiert: „Warum malst du Schwarze Menschen?“ Oder: „Warum malst du eine asiatische Person?“ Für mich war diese Frage immer irritierend, weil niemand eine weiße Person fragt, warum sie weiße Menschen malt. Es zeigt, wie selbstverständlich Weißsein in der Kunst immer noch als Norm verstanden wird.
Was ich verlernen musste, war genau diese Vorstellung: dass bestimmte Menschen in der Kunst selbstverständlich vorkommen und andere erst erklären müssen, warum sie dort sind. Natürlich gibt es Künstler wie Basquiat, die Schwarze Figuren dargestellt haben, aber auch dort können die Figuren oft über eine stilisierte oder karikaturhafte Bildsprache vermittelt werden. Für mich war wichtig zu verstehen, dass auch ein Schwarzer Körper einfach ein Körper sein kann – ein Mensch, ein Porträt, ein Subjekt – ohne dass seine Existenz in einem Kunstwerk erklärt oder gerechtfertigt werden muss. Ich musste also verlernen zu denken, dass Kunst eine bestimmte Hautfarbe hat.
Kunst ist nicht weiß.
Kunst hat viele Farben, viele Perspektiven und viele Geschichten. Und genau das ist ein Teil dessen, was ich für mich verlernen und gleichzeitig neu lernen musste.
Bild oben: © Hope Bartley, linkes Bild: Love lost, 2023, Oil and Wallfiller on canvas, 160 × 120 cm / rechts: Rebirth, 2023, Oil and Wallfiller on canvas, 160 × 120 cm
7. Thema 2 –
Männlichkeit
Claudine: In deiner Ausstellung „Convergence: The Death of Ego, the Rebirth of Self“ (2023) widmest du dich der Männlichkeit im 21. Jahrhundert. Welche Aspekte und Stereotypen der Männlichkeit möchtest du in deiner Kunst aufbrechen und warum?
Hope Bartley: Wir haben ein Männlichkeitsproblem. Das ist für mich ganz eindeutig. Das Problem ist aber, dass solche Themen oft mit der Intention angesprochen werden, Männlichkeit zu unterwerfen oder Männer dafür zu verurteilen. Mein Ansatz war ein anderer.
Mit „Convergence: The Death of Ego, the Rebirth of Self“ wollte ich zunächst meine eigene Männlichkeit kritisch betrachten. Die Arbeiten waren alle Selbstporträts, weil ich zuerst bei mir selbst anfangen wollte, bevor ich über andere Menschen spreche.
Dabei habe ich gemerkt, dass es für mich – und ich glaube für viele Männer – schwierig sein kann, Verletzlichkeit, Beziehungen oder Liebe auszudrücken. Nicht unbedingt, weil wir diese Gefühle nicht haben, sondern weil wir als Gesellschaft Männer oft nicht dazu erzogen haben, diese Emotionen überhaupt kennenzulernen oder auszudrücken. Wenn man 30 Jahre lang bestimmte Gefühle unterdrückt hat, kann man nicht einfach plötzlich sagen: „Spür das jetzt.“ Man muss diese Fähigkeit erst wieder lernen.
Bild oben: © Hope Bartley, Loverboy in the Lilypond, 2026, Oil on Canvas, 90cm x 120cm
„Convergence: The Death of Ego, the Rebirth of Self“ entstand nach einem Gespräch mit einer Freundin. Sie fragte mich, wie ein Mann eigentlich Fürsorge und Liebe zeigen kann – und bezog sich dabei auf die vielen Pflanzen, die ich zu Hause habe.
Für sie war es interessant, dass ein Mann so viel Aufmerksamkeit, Fürsorge und Liebe in andere Lebewesen investieren kann. Für mich war diese Frage ein wichtiger Wendepunkt und gleichzeitig die Brücke zu meiner heutigen Biophilia-Praxis.
Die Serie begann mit Loverboy – einem Mann auf der Suche nach Liebe und Verbindung. Von dort aus entwickelte sich meine Biophilia-Serie weiter: von der Frage, wie wir als Männer Liebe und Fürsorge ausdrücken, hin zu der größeren Frage, wie wir als Menschen überhaupt mit anderen Lebewesen und mit der Natur verbunden sind.
8. Thema 3 –
Natur & Mensch
Claudine: In der Ausstellung „Biophilia“ (2026) hast du die tiefe Verbindung zwischen Mensch und Natur erforscht. Wie fügt sich die Natur als Thema in deine sonst so stark gesellschaftliche Erforschung von Identität ein?
Hope Bartley: Biophilia ist für mich grundsätzlich eine Untersuchung der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Der Begriff wurde durch den Biologen E. O. Wilson geprägt und beschreibt die menschliche Tendenz, eine Verbindung zu anderen Formen des Lebens und zur Natur zu suchen. Genau diese Beziehung interessiert mich.
Meine Ausstellung „Biophilia: A Love Letter to Nature“ war meine erste Soloausstellung in Luxemburg. Sie bestand nicht nur aus Gemälden, sondern wurde durch eine wachsende Rauminstallation ergänzt: Viele Papierschmetterlinge wurden im Raum aufgehängt, und die Besucher waren eingeladen, auf einem Schmetterling einen Brief an die Natur zu schreiben und ihn dort zu hinterlassen.
Dadurch entstand gleichzeitig eine Art anthologische Sammlung unterschiedlicher Perspektiven. Jeder Brief war eine persönliche Interpretation davon, was Natur für den jeweiligen Menschen bedeutet. Nach jedem Ausstellungszyklus wurden die Schmetterlinge nicht einfach archiviert, sondern zu Papierpulpe verarbeitet und wieder in die Erde zurückgeführt.
Die Gedanken und Worte der Menschen wurden damit buchstäblich wieder Teil der Natur.
Für mich war das eine anthropologische Untersuchung der Mensch-Natur-Beziehung. Es ging nicht nur darum, über Natur zu sprechen, sondern Menschen dazu zu bringen, sich ganz bewusst und emotional mit ihrer eigenen Beziehung zur Natur auseinanderzusetzen.
9. Zwei Welten
Claudine: Dein Hintergrund ermöglicht dir einen einzigartigen Blickwinkel zwischen zwei sehr unterschiedlichen Kulturen. Fühlst du dich durch die Kunst mittlerweile in beiden Welten heimisch, oder ist die Leinwand selbst dein eigentliches Zuhause geworden?
Hope Bartley: Ich glaube, ich fühle mich heute in beiden Welten zu Hause, aber auf unterschiedliche Weise. Jamaika ist natürlich ein Teil von mir – dort liegen meine Erinnerungen, meine Kindheit und ein bestimmtes Verständnis von Natur und Gemeinschaft. Deutschland wiederum ist der Ort, an dem ich erwachsen geworden bin und meine berufliche und künstlerische Identität entwickelt habe. Ich würde deshalb nicht sagen, dass ich mich für eine der beiden Welten entscheiden musste. Vielmehr habe ich gelernt, zwischen ihnen zu leben und die Unterschiede wahrzunehmen. Vielleicht ist genau diese Position zwischen den Welten auch ein wichtiger Teil meiner Kunst. Die Leinwand ist dabei tatsächlich ein Ort, an dem diese unterschiedlichen Erfahrungen zusammenkommen können.
Dort kann ich Dinge aus Jamaika, Deutschland und meinem eigenen Leben miteinander verbinden, ohne dass sie sich gegenseitig ausschließen. In diesem Sinne ist die Kunst vielleicht tatsächlich eine Art Zuhause für mich geworden.
Bild oben: © Hope Bartley, Biophilia: A Love Letter to Nature, Interactive Spatial Installation, Photo at 17 QM Concept Store / Munich
Bild oben: © Hope Bartley, Biophilia: A Love Letter to Nature, Interactive Spatial Installation, Photo at 17 QM Concept Store / Munich
10. Wirkung
Claudine: Deine Arbeiten behandeln oft Psychologie und gesellschaftliche Strukturen. Was erhoffst du dir, was in den Betrachtern ausgelöst wird, wenn sie vor deinen Werken stehen und in diese unzähligen Schichten deiner Essays eintauchen?
Hope Bartley: Ich möchte eigentlich schon, dass der Betrachter etwas aus meinem Essay herauslesen kann. Ich beschäftige mich sehr intensiv mit einem Thema, recherchiere, lese und entwickle daraus bestimmte Gedanken und Perspektiven. Diese Gedanken sind dann in den verschiedenen Schichten des Bildes enthalten.
Aber gleichzeitig möchte ich, dass der Betrachter innerhalb dieses gedanklichen Rahmens etwas findet, das zu ihm selbst passt. Vielleicht eine Erinnerung an einen Ort, an dem er als Kind oft war.
Vielleicht erinnert ihn ein Bild an einen Wald, durch den er einmal mit seinem Hund gegangen ist, oder an eine bestimmte Erfahrung, die er mit Natur, Liebe oder einem anderen Menschen verbindet.
Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit. Und genau diese persönliche Geschichte soll im Bild irgendwie Platz finden. Ich möchte also nicht, dass jeder einfach „irgendetwas“ in meinem Bild sieht, sondern dass meine Gedanken einen Ausgangspunkt schaffen, von dem aus der Betrachter seine eigenen Erinnerungen und Erfahrungen wiederfinden kann.
Wenn jemand vor einem Bild steht und plötzlich etwas von sich selbst darin erkennt, das vielleicht schon lange irgendwo in ihm gespeichert war, dann hat das Bild für mich eigentlich seinen Zweck erfüllt.
11. Ausblick
Claudine: Was kommt als Nächstes für Hope Bartley? Gibt es ein Thema oder eine bestimmte Technik, an die du dich bisher noch nicht herangewagt hast, die aber in deinem Kopf schon Form annimmt?
Hope Bartley: Als Nächstes entsteht gerade ein neues Kapitel meiner Biophilia-Serie: „Scorched Earth“ – auf Deutsch „Verbrannte Erde“.
Es geht wieder um die Beziehung zwischen Mensch und Natur, aber diesmal möchte ich diese Beziehung aus einer etwas unbequemeren Perspektive betrachten.
Im Zentrum steht für mich das Feuer. Feuer ist für mich eine Art Allegorie für den Menschen. Wir haben gelernt, Feuer zu kontrollieren und für uns zu nutzen – um Nahrung zu verändern, Materialien zu bearbeiten, Landschaften zu verändern und schließlich ganze Städte und Zivilisationen aufzubauen.
Gleichzeitig ist Feuer wunderschön und zerstörerisch. Es gibt Wärme und Licht, aber es muss etwas verbrennen, damit es überhaupt existieren kann. Genau diese Ambivalenz interessiert mich.
Auch wir Menschen erschaffen wunderschöne Dinge – Städte, Architektur, ganze Landschaften. Aber hinter dieser Schönheit steht immer auch etwas, das verbraucht, verändert oder zerstört wurde.
Scorched Earth ist deshalb für mich nicht einfach eine Serie über Klimawandel. Mich interessiert viel mehr dieser Widerspruch: Wir sind selbst Teil der Natur und gleichzeitig eine Spezies, die ihre Umgebung grundlegend verändern kann. Wir können eigentlich gar nicht existieren, ohne unsere Umgebung zu verändern. Und genau diese Spannung möchte ich untersuchen: Wie können wir Teil der Natur sein, wenn unsere Existenz gleichzeitig bedeutet, dass wir Natur verändern?
© Hope Bartley, The Biophilia Room Installation by Hope Bartley and Juan Tardivo, realised with the Broke Today Artist Collective, Munich, Germany 2024, Photo in room – Happy Emd Hotel
© Hope Bartley, The Biophilia Room Installation by Hope Bartley and Juan Tardivo, realised with the Broke Today Artist Collective, Munich, Germany 2024, Photo in room – Happy Emd Hotel
© Hope Bartley, The Biophilia Room Installation by Hope Bartley and Juan Tardivo, realised with the Broke Today Artist Collective, Munich, Germany 2024, Photo in room – Happy Emd Hotel