Künstlerinterview: 11 Fragen an Nae Zerka
© Nae Zerka – ALPHA – BETA – GAMMA, 2025 Mixed Media on Canvas (Acrylic, Softpastel, Oil) 60 x 60 cm
Hinter jedem Kunstwerk steckt eine Entscheidung. Und bei Nae Zerka sind es Entscheidungen, die zwischen zwei Welten schwingen. Wenn man seine Arbeiten betrachtet, spürt man sofort diese besondere Reibung: Da ist etwas sehr Modernes, fast Technisches, das aber auf eine tiefe, fast archaische Liebe zur Malerei trifft.
Es wird oft über den Einsatz von digitalen Werkzeugen oder KI in der Kunst diskutiert, doch für Nae ist das kein Selbstzweck. Im Gespräch mit ihm wurde mir schnell klar: Die Technik ist für ihn nur der Startpunkt, ein moderner Skizzenblock, um das Unsichtbare sichtbar zu machen. Viel wichtiger ist ihm der menschliche Eingriff – der Moment, in dem er mit Ölfarbe und Pastellkreide eine sterile digitale Welt wieder zurück ins Greifbare holt.
Wir haben über seine Wurzeln in der Techno-Szene gesprochen, über das bewusste Verschwinden von Identität hinter Klebestreifen und warum er heute die Stille der Berge den glitzernden Metropolen vorzieht. Taucht ein in ein Interview, das zeigt, dass die Seele eines Bildes nicht im Code liegt, sondern im mutigen Umgang mit dem Unperfekten.
Foto: © Nae Zerka – Bild oben: © Nae Zerka „After She Vanished“, 2025
Claudine: Nae, du bist mit der Geburtsstunde der digitalen Welt groß geworden. Gab es in deiner Kindheit einen bestimmten Moment oder ein Erlebnis mit Technik, das dich künstlerisch bis heute prägt?
Nae Zerka: Meine ersten Berührungspunkte mit digitaler Technologie hatte ich mit einem Commodore VC20 Computer, der war technisch sehr einfach, aber für die damalige Zeit revolutionär. Später, mit dem C64, begann ich Bilder zu „programmieren“ – wenn man das so nennen kann. Es waren ganz einfache, rohe Bildwelten: farbige Streifen, Bits, minimale Strukturen.
Diese Reduktion hat mich geprägt. Nicht das perfekte Bild stand im Vordergrund, sondern die Idee dahinter – das „Sichtbarmachen“ von etwas, das eigentlich ohne Code unsichtbar ist.
Bis heute begleitet mich dieses Denken. Digitale Elemente sind daher eher ein Ursprung für mich. Sie fließen ganz selbstverständlich in meine Arbeit ein und bilden eine Grundlage für alles, was ich heute mache.
© Nae Zerka – Phänomen, 2025 Mixed Media on Canvas (Acrylic, Softpastel, Oil) 200 x 100 cm
Claudine: Deine Zeit als DJ in der Techno-Szene war sehr intensiv. Diese pulsierende Energie der Techno-Beats – wie viel von diesem „Vibe“ steckt heute noch in deinem Pinselstrich, wenn du im Atelier arbeitest?
Nae Zerka: Der Vibe ist noch immer da – aber vielleicht weniger als Klang, sondern mehr als Haltung.
Mir ging es, wie schon bei meinen ersten digitalen Erfahrungen, weniger um ein perfektes Setup, sondern um das, was während des Prozesses – in der Interaktion mit dem Publikum passiert.
Elektronischen Sound verdichten und reduzieren und hochtreiben um daraus neue Dynamiken zu erzeugen, die im Raum plötzlich greifbar wird.
Ich erinnere mich an sehr intensive Nächte Anfang der 90er, die sich tief eingebrannt haben – Momente, in denen diese Vibes und Energie förmlich auf das Publikum übergesprungen ist.
Dieses Prinzip begleitet mich bis heute im Atelier. Es geht zu Beginn nicht primär um das Ergebnis, sondern um Spannung, Aufbau, Rhythmus und die Frage, was zwischen den Schichten passiert und was wird.
Claudine: Du arbeitest mit unterschiedlichsten digitalen Technologien, darunter auch KI. Welche Rolle spielt sie in deinem kreativen Prozess – ist sie für dich eher ein Werkzeug oder eröffnet sie neue Formen des künstlerischen Denkens?
Nae Zerka: Für mich ist KI beides.
Ich sehe KI als Werkzeug und als Möglichkeit, neue Formen des künstlerischen Denkens zu öffnen. Mich interessiert dabei vor allem, diese Entwicklungen nicht auf Distanz zu halten, sondern sie bewusst in meine Arbeit zu integrieren.
Natürlich ist mir klar, dass dieses Thema in der Kunst polarisiert. Aber genau dieses Wagnis gehört für mich dazu. Ich kann meine Prozesse nicht konsequent weiterdenken, wenn ich bestimmte Entwicklungen von vornherein ausschließe.
Im Kern geht es mir immer um Transformation – und Technologie ist dabei kein Gegensatz, sondern ein Teil davon.
Claudine: Deine digitalen Entwürfe wirken bestimmt oft schon perfekt. Warum ist es dir trotzdem so wichtig, danach zu Ölfarbe und Kreide zu greifen und das Bild physisch zu „erarbeiten“? Was fehlt dem rein Digitalen, das nur deine Hand hinzufügen kann?
Nae Zerka: Im Gegenteil – meine digitalen Entwürfe sind bewusst alles andere als perfekt. Sie sind oft steril, fast leblos und enthalten Fehler.
Genau dort beginnt für mich die eigentliche Arbeit. Die Transformation.
Mich interessiert, wie sich technologische Logik mit der Intuition der Malerei verschränken lässt. Wie digitale Ästhetik eine physische, spürbare Form auf der Leinwand annehmen kann.
Darin liegt für mich auch ein Paradox: Während uns die Digitalisierung immer weiter vom Analogen entfernt, führe ich meine Arbeit bewusst wieder zurück – bis hin zu den Ursprüngen der Malerei.
Die Verwendung von Pastellkreide ist dabei kein Zufall, sondern eine leise Referenz an etwas sehr Archaisches.
Claudine: In deinen Werken treffen glatte, moderne Welten auf grobe Strukturen. Ist dieser Kontrast für dich ein Symbol für unser eigenes Leben, das ja auch oft zwischen Perfektion und Ecken und Kanten schwankt?
Nae Zerka: Ja, dieser Kontrast ist für mich sehr bewusst gesetzt.
Er spiegelt genau dieses fragile Gleichgewicht wieder, in dem wir uns heute bewegen – zwischen dem Alten und dem Modernen, dem Greifbaren und dem Virtuellen.
Es ist ein Spannungsfeld, das nicht nur meine Arbeiten durchzieht, sondern auch unseren Alltag prägt.
Mich interessiert dabei vor allem der Moment, in dem diese Ebenen aufeinanderprallen. Dort entsteht eine Reibung, die den Betrachter aus der reinen Beobachtung herausholt und dazu zwingt, sich mit diesen Übergängen auseinanderzusetzen.
Denn genau in diesen Brüchen beginnt etwas sichtbar zu werden: wie sehr sich unsere Wahrnehmung verändert – und wie fließend die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion inzwischen geworden ist.
Deshalb ist dieser Kontrast kein reines Stilmittel, sondern ein Spiegel dessen, was wir gerade erleben.
Bilder (von oben nach unten):
1. Der Künstler Nae Zerka beim Malen von
2. © STILLER SCHWUR, 2025 Mixed Media on Canvas (Acrylic, Softpastel, Oil) 100 x 100 cm
3. © DAS MÄDCHEN IM SCHRANK, 2025 Mixed Media on Canvas (Acrylic, Softpastel, Oil) 40 x 40 cm
Bilder (von oben nach unten):
1. © CHORUS, 2025 Mixed Media on Canvas (Acrylic, Softpastel, Oil) 60 x 60 cm
2. Der Künstler Nae Zerka vor einem fertigen Bild
3. © TETE-A-TETE, 2026 Mixed Media on Fine Art Paper (Acrylic, Softpastel) 70 x 50 cm
Claudine: Auf vielen deiner Porträts sieht man seltsame „Klebestreifen“, die Teile des Gesichtes bedecken oder abkleben. Was steckt hinter diesem „Verband“? Was willst du mit diesen Sujets ausdrücken?
Nae Zerka: Die „Klebestreifen“ sind für mich ein bewusst gesetztes, leicht surreal wirkendes Element.
Inhaltlich stehen sie für Transformationsprozesse des Menschen in unserer Zeit. Für das Verschwinden, das Verbergen, das bewusste Ändern und Verändern der eigenen Identität.
Zustände, wie wir sie insbesondere in digitalen Räumen und sozialen Medien täglich erleben.
Teile des Gesichts werden verdeckt, verschoben oder fragmentiert. Das Individuelle tritt dabei zunehmend in den Hintergrund. Mich interessiert dieser Moment, in dem das menschliche Ego an Kontur verliert – und sich in einer Art digitaler Gleichgültigkeit aufzulösen beginnt.
Claudine: In der Computerwelt sind Bildfehler – sogenannte Glitches – meistens nervig. Du nutzt sie aber scheinbar bewusst. Was ist für dich das Schöne an einem Fehler im Bild?
Nae Zerka: Das Schöne am Fehler ist für mich, dass er kein endgültiger Zustand ist.
Gerade im Zusammenspiel von digitaler und traditioneller Arbeit entsteht ein spannender Moment: Ein „Glitch“ kann zunächst etwas Unkontrolliertes, vielleicht sogar Störendes sein – aber ich habe die Möglichkeit, ihn im malerischen Prozess wieder aufzugreifen, zu verändern oder bewusst stehen zu lassen.
Ich habe es als Mensch in der Hand, einzugreifen – zu korrigieren, zu überformen oder den Fehler sogar zu verstärken.
Dadurch verliert der Fehler seinen negativen Charakter. Er wird zu einem Teil des Bildes – zu etwas, das nicht stört, sondern Bedeutung erzeugt.
Claudine: Wenn du deine Ideen vom Computer auf die Leinwand überträgst: Gibt es diese Momente, in denen das Bild in der weiteren Bearbeitung plötzlich eine eigene Richtung einschlägt und dich selbst überrascht? Freust du dich auf Unvorhergesehenes oder kontrollierst du das Ergebnis von Anfang bis Ende?
Nae Zerka: Ein Werk beginnt eigentlich immer – irgendwann, seinen eigenen Bedarf und Raum einzufordern.
Im Prozess verschiebt sich daher oft etwas. Die ursprüngliche Idee tritt in den Hintergrund und das Werk entwickelt eine eigene Richtung.
Gerade dieses Unvorhergesehene ist für mich essenziell. Es sind Momente, in denen etwas auftaucht, wie ein Impuls aus dem Unterbewusstsein.
Ich versuche, diesen Momenten zu vertrauen. Nicht alles zu kontrollieren, sondern dem Werk die Möglichkeit zu geben, sich selbst weiterzuentwickeln.
Claudine: Zwischen Ausstellungen in Weltmetropolen wie New York oder Seoul lebst du im ruhigen Salzburg. Ist diese Ruhe für dich der nötige Anker, um dich ganz in deine Bildwelten vertiefen zu können?
Nae Zerka: Früher war da oft der Wunsch, näher an den Metropolen zu sein – zumindest im Kopf. Heute empfinde ich das anders.
Die Ruhe hier ist kein Gegensatz mehr, sondern ein wesentlicher Teil meiner Arbeit.
Im Gegenteil, ich merke sogar, dass ich noch stärker in diese Form von Rückzug tendiere.
Diese Reduktion schafft Raum – und genau dieser Raum ist notwendig, um sich wirklich in die eigenen Bildwelten zu vertiefen.
Claudine: Du bist auch im Bereich Blockchain aktiv. Wie erklärst du einem klassischen Sammler, der gerne „etwas Echtes“ an der Wand hängen hat, dass auch ein digitales Kunstwerk einen künstlerischen und einen bleibenden Wert besitzen kann?
Nae Zerka: Dieses Thema habe ich für mich schon länger wieder hinter mir gelassen.
Ich habe relativ schnell erkannt, dass in diesem Bereich oft weniger künstlerischer Wert als vielmehr Gier und kurzfristige Dynamiken im Vordergrund stehen. Das hat für mich nichts mit dem zu tun, was ich langfristig in meiner Arbeit suche.
Interessanterweise war genau das auch ein Impuls für meine Bildsprache. Die Flüchtigkeit und Volatilität dieser digitalen Werte haben mich beschäftigt.
Die „Klebestreifen“ sind in gewisser Weise auch daraus entstanden – als Versuch, etwas festzuhalten.
Etwas, das eigentlich flüchtig ist, in eine physische, analoge Form zu überführen. Fast so, als würde man versuchen, einen Moment dauerhaft auf der Leinwand zu fixieren.
Claudine: Wenn jemand vor deinen Werken steht und später nach Hause geht – welchen Gedanken oder welchen „Nachklang“ über unser modernes Leben möchtest du ihm im Idealfall mitgeben?
Nae Zerka: Wenn jemand meine Arbeiten verlässt, wünsche ich mir ein Gefühl, das bleibt. Eines, das vielleicht erst später greifbar wird.
Vielleicht entsteht ein Moment der Irritation oder des Innehaltens, der dazu führt, sich selbst wieder bewusster wahrzunehmen.
Ohne klare Antwort – eher als offener Raum, der noch ein Stück mitgeht oder was bleibt, wenn etwas verschwindet.
Vielen Dank, Nae, für dieses aufschlussreiche, interessante Gespräch zu Deiner Arbeit.
Ich bin und bleibe ein großer Fan deiner Werke & begeisterter Follower auf Instagram.
Herzlichst, Claudine
Buch links: NAE ZERKA, Exhibition: Echoes Left Behind,
Publisher: Gallery Stephan Stumpf / Noova Media, Year of publication: 2026,
Pages: 52, Size: 29.7 x 21 cm, Language: English
Buch rechts: NAE ZERKA, Transcending the Limits of Reality,
Edition: Limited edition, Edition Size: 100, Publisher: AL-TIBA9 CONTEMPORARY, Year of publication: 2024,
Pages: 104, Size: 21.5 x 21.5 cm, Language: English