Bildnachweise: © Markus Philipp – mit freundlicher Genehmigung

Verletzlichkeit, die keine Schwäche ist

11+ Fragen an Markus Philipp

Manche Begegnungen in der Kunstwelt sind wie gute Gespräche, die man immer wieder fortsetzt. So ist es auch bei Markus Philipp und mir. Seit vielen Jahren kreuzen sich unsere Wege in der Münchner Kunstszene – sei es bei seinen eigenen Ausstellungen oder bei inspirierenden Events wie in der Wiede-Fabrik*.

Markus ist nicht nur ein unglaublich sympathischer Mensch, sondern auch ein Künstler, der es versteht, die leisen Zwischentöne des Lebens einzufangen. Nach vielen Gesprächen über die Kunst und das Leben war es an der Zeit, diese Gedanken einmal festzuhalten. In diesem Interview gewährt er uns einen tiefen Einblick in seinen Schaffensprozess, seine Sicht auf die menschliche Verletzlichkeit und warum das Loslassen für ihn der Schlüssel zur Ehrlichkeit im Bild ist.

Hier kommen die 11 Fragen und Antworten – diesmal (ausnahmsweise) mit drei Bonus-Fragen.

1. Die Essenz seiner Kunst

Claudine:
Wenn du deine Kunst in einem einzigen Satz beschreiben müsstest – wie würde dieser lauten?

Markus Philipp:

Meine Kunst ist der Versuch, das sichtbar zu machen, was zwischen Menschen passiert – die leisen Spannungen, Sehnsüchte und Fragen, die man oft spürt, bevor man sie wirklich versteht.

2. Emotionen und Zwischenzustände

Claudine:
Viele deiner Werke scheinen eine tiefe emotionale Resonanz zu haben. Welche Emotion möchtest du besonders ausdrücken?

Markus Philipp:

Mich interessiert weniger eine einzelne Emotion als der Moment zwischen zwei Zuständen – Unsicherheit, Erwartung, Verletzlichkeit oder Hoffnung. Gerade in diesen Übergängen zeigen Menschen etwas sehr Echtes, und genau dieser Moment interessiert mich in meinen Bildern.

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Perception, © Markus Philipp

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Portrait of Discovery, © Markus Philipp

3. Werke mit persönlicher Bedeutung

Claudine:
Gibt es ein Werk, das für dich persönlich eine besonders tiefe Bedeutung hat?

Markus Philipp:

Es gibt immer wieder Werke, die wie kleine Wendepunkte wirken. Oft sind das Bilder, bei denen ich während des Malens gemerkt habe, dass ich eine bestimmte Erwartung loslassen musste – eine Idee von Kontrolle oder Perfektion. Diese Bilder sind nicht unbedingt die technisch perfektesten, aber oft die ehrlichsten.

4. Die Rolle des Loslassens

Claudine:
Welche Rolle spielt das „Loslassen“ im kreativen Prozess für dich?

Markus Philipp:

Loslassen bedeutet für mich den Moment zu akzeptieren, in dem ein Bild beginnt, sein eigenes Leben zu entwickeln. Am Anfang arbeite ich bewusst an Komposition, Form und Farbe. Aber irgendwann muss ich aufhören zu kontrollieren. Wenn man zu lange versucht, ein Bild zu verbessern, verliert es oft genau die Lebendigkeit, die es ursprünglich hatte.

5. Die Herausforderung der Ehrlichkeit

Claudine:
Was ist die größte Herausforderung in deinem Leben als Künstler?

Markus Philipp:

Die größte Herausforderung ist nicht Technik oder Inspiration, sondern Ehrlichkeit. Ein Bild kann handwerklich sehr gut sein und trotzdem nichts sagen. Die eigentliche Schwierigkeit liegt darin, den Mut zu haben, etwas Persönliches und Unperfektes sichtbar zu machen.

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The Giant’s Gaze, © Markus Philipp

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Echoes of Disonance, © Markus Philipp

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(Work in Progress), © Markus Philipp

6. Umgang mit dem kreativen Stillstand

Claudine:
Wie gehst du damit um, wenn der kreative Fluss einmal stockt?

Markus Philipp:

Ich versuche dann nicht, Kreativität zu erzwingen. Stattdessen wechsle ich die Perspektive: Ich zeichne, arbeite an einer Skulptur oder beschäftige mich mit ganz anderen Dingen. Oft entstehen die besten Ideen genau dann, wenn man aufhört, aktiv danach zu suchen.

7. Verletzlichkeit als Vermächtnis

Claudine:
Wenn deine Kunst ein Vermächtnis hinterlassen könnte – welche Botschaft wäre dir wichtig?

Markus Philipp:

Vielleicht diese: Verletzlichkeit ist keine Schwäche. In vielen meiner Figuren steckt eine stille Präsenz oder Nachdenklichkeit. Gerade diese stillen Momente erzählen oft mehr über uns Menschen als laute oder spektakuläre Gesten.

8. Inspiration jenseits der Leinwand

Markus Philipp

© Markus Philipp

Claudine:
Was inspiriert dich außerhalb deiner künstlerischen Arbeit?

Markus Philipp:

Mich inspirieren vor allem Menschen und ihre Geschichten. Ich beobachte gerne, wie Menschen miteinander umgehen, welche Rollen sie spielen und wann diese Rollen kurz verschwinden. Außerdem interessieren mich viele unterschiedliche Bereiche – Psychologie, Musik, Philosophie oder auch systemisches Denken.

9. Ein Fenster in seine Bildwelt

Claudine:
Wenn jemand deine Kunst noch nie gesehen hat – welches Werk würdest du zuerst zeigen?

Markus Philipp:

Vermutlich eines meiner figurativen Werke mit einer einzelnen Person im Mittelpunkt. Diese Bilder sind oft der direkteste Zugang zu meiner Bildwelt. Sie erzählen nicht alles, aber sie stellen eine Frage – und genau diese Offenheit ist mir wichtig.

10. Der Mensch versus KI

Claudine:
KI in der Kunst – hast du damit experimentiert und wie siehst du diese Entwicklung?

Markus Philipp:

Ich sehe KI vor allem als Werkzeug, ähnlich wie Fotografie oder digitale Bildbearbeitung. Sie kann helfen, Ideen schneller zu visualisieren oder neue Perspektiven zu entdecken. Aber der eigentliche Kern von Kunst bleibt für mich der menschliche Prozess – die Entscheidungen, Zweifel und Erfahrungen, die in ein Werk einfließen.

11. Leidenschaft und Lebensrealität

Claudine:
Viele Künstler stehen zwischen Leidenschaft und Lebensrealität. Wie erlebst du dieses Spannungsfeld?

Markus Philipp:

Ich würde gerne vollständig von meiner Kunst leben können – das wäre vermutlich der Wunsch der meisten Künstler. Die Realität ist aber, dass das für viele nicht dauerhaft funktioniert. Deshalb habe ich auch einen anderen Beruf, der mir Freude macht und Stabilität gibt. Dieses Spannungsfeld zwischen Kunst und Alltag begleitet mich ständig und prägt auch meine Perspektive auf die Welt.

China meets China, © Markus Philipp

12. Struktur trifft auf Freiheit

Claudine:
Hat dein anderes berufliches Leben Einfluss auf deine Kunst?

Markus Philipp:

Ja, auf eine indirekte Weise sehr stark. Ich arbeite in einem Umfeld, das stark von Struktur und rationalem Denken geprägt ist. Kunst ist für mich dagegen ein Raum, in dem diese Regeln bewusst aufgehoben werden dürfen. Beide Seiten beeinflussen sich aber – Analyse hilft mir manchmal beim Reflektieren meiner Arbeit, während Kunst mich daran erinnert, dass nicht alles optimiert werden muss.

13. Die Kunst als Dialogangebot

Claudine:
Wie reagierst du, wenn Menschen deine Werke völlig anders interpretieren als du selbst?

Markus Philipp:

Das finde ich eigentlich sehr spannend. Sobald ein Bild das Atelier verlässt, beginnt es ein eigenes Leben zu führen. Menschen bringen ihre eigenen Erfahrungen und Erinnerungen mit und lesen das Werk aus ihrer persönlichen Perspektive. Für mich ist Kunst deshalb eher ein Dialogangebot als ein fertiges Statement.

14. Ein Moment des Innehaltens

Claudine:
Warum sollte die Welt deine Kunst brauchen?

Markus Philipp:

Ich glaube nicht, dass die Welt unbedingt meine Kunst braucht. Aber ich glaube, dass Kunst generell etwas leisten kann, was in einer sehr rationalen und beschleunigten Welt oft verloren geht: einen Moment des Innehaltens. Wenn jemand vor einem Werk stehen bleibt und für einen Augenblick anders auf sich selbst oder auf die Welt schaut, dann hat Kunst bereits ihren Zweck erfüllt.

Lieber Markus, tausend Dank für dieses schöne Interview. Ich freue mich auf alle weiteren Treffen und den interessanten Gedankenaustausch mit dir, wo auch immer sich unsere Wege weiterhin treffen mögen.

Herzlichst Claudine

 

*Die Termine zum Event der „Offenen Ateliers“ findest du auf der Website der Wiede-Fabrik – der Besuch ist sehr empfehlenswert!