Künstlerinterview
11 Fragen an
Fine Art Stencil Artist Anja Zeilinger
Als ich mich auf dieses Interview vorbereitet und mich in die Welt von Anja Zeilinger vertieft habe, hat mich ein Aspekt besonders fasziniert: ihr fast meditativer Ansatz.
Anja beschreibt das Schneiden ihrer Stencils (Schablonen) wie eine Art „Yoga“ – eine stundenlange, teils körperlich anstrengende Feinarbeit, bei der sie in einen tiefen Flow-Zustand gerät.
Genauso faszinierend ist ihre klare künstlerische Haltung: Anja bewegt sich fast ausschließlich im Spektrum von Schwarz und Weiß. Für sie bedeutet das keine Einschränkung, sondern höchste Klarheit, in der Kontraste und Schatten ihre volle Wucht entfalten. Wenn doch einmal Gold auftaucht, dann nicht als bloße Farbe, sondern als „Energie“, die dazu dient, dem Werk eine höhere emotionale Temperatur zu verleihen, ohne von der wesentlichen Aussage abzulenken.
Mehr von Anjas Werk und spannende Videos von Anja Zeilinger während des Entstehungsprozesses siehst du auf Ihrem Instagram & ihrer Website!
(Die Links dazu findest du hier nach dem Interview) / Fotos: © Anja Zeilinger, © Claudine liebt Kunst (fotografiert in der Orangerie Dez. 2025)
1 Vom Atelier in die Öffentlichkeit
Claudine: Liebe Anja, wir sprechen uns kurz vor deiner Ausstellung in München. Nach der intensiven, fast meditativen Arbeit im stillen Atelier trittst du nun mit deinen Werken ins Rampenlicht. Wie erlebst du diesen Moment des „Loslassens“, wenn die Kunst den geschützten Raum verlässt und auf den Betrachter trifft?
Anja Zeilinger: Dieser Moment ist immer sehr besonders für mich. Im Atelier entsteht alles im geschützten Raum, sehr nach innen gerichtet, fast zeitlos. Wenn die Arbeiten dann in die Öffentlichkeit gehen, fühlt es sich an, wie ein bewusster Akt des Loslassens.
Die Werke gehören ab diesem Punkt nicht mehr nur mir – sie beginnen, ihren eigenen Dialog mit den Betrachtern. Das ist aufregend aber auch sehr erfüllend, weil genau dort Kunst lebendig wird.
2 Die Technik als Meditation
Claudine: Du beschreibst deinen Schaffensprozess, das stundenlange „Cutten“ (Schneiden) der verschiedenen Layer, als eine Art Yoga und meditative Reise. Was passiert in dir, wenn du das Skalpell ansetzt und dich in den Details verlierst? Ist der körperliche Prozess für dich genauso wichtig wie das fertige Werk?
Anja Zeilinger: Das Schneiden ist für mich tatsächlich eine körperliche Meditation – ein fließender Zustand, in den ich eintrete. Cutting bedeutet, einen meditativen Raum zu betreten, in dem der Fokus sich vom Außen nach innen verlagert. Irgendwann zählt nur noch die Linie, der Atem und ein gleichmäßiger Rhythmus. Es ist ein Prozess der Hingabe, des vollständigen Versinkens. Genau dieser Zustand schreibt sich in das Werk ein – er wird Teil seiner Seele und ist im fertigen Werk spürbar.
3 Fehlerkultur
Claudine: Bei der Stencil-Technik, besonders bei so filigranen Porträts, stelle ich mir vor, dass jeder Schnitt sitzen muss. Gibt es den „point of no return“? Was passiert, wenn du dich nach Stunden der Arbeit verschneidest – ist das Werk dann ruiniert oder wird der Fehler Teil der Kunst?
Anja Zeilinger: Ein falscher Schnitt kann das Werk unwiederbringlich verändern – das ist der „point of no return“. Diese Möglichkeit ist mir sehr bewusst, auch wenn sie in der Praxis selten eintritt. Beim Cutten zählt Präzision und ein hohes Maß an Konzentration, fast wie eine stille Achtsamkeit. Jeder Schnitt ist endgültig, und genau diese Klarheit prägt meinen Umgang mit dem Material und den gesamten Prozess.
4 Licht und Schatten
Claudine: Deine Arbeiten leben von Schichtungen („Layers“). Du sagst: „Aus Schnitt, Struktur und Licht entstehen Werke.“ Das klingt fast bildhauerisch. Baust du das Bild im Kopf bereits dreidimensional auf, bevor du die erste Schicht schneidest?
Anja Zeilinger: Meine Bilder entstehen zunächst als dreidimensionale Konstruktionen im Kopf. Noch bevor ich die erste Schicht schneide, denke ich in Räumen, Tiefen und Licht. Das Schneiden ist für mich ein Prozess des Wieder-Zusammensetzens – das Bild formt sich über Negativräume und Zwischenräume. In dieser Art zu arbeiten ähnelt der Prozess sehr der Bildhauerei: Ich nehme Material weg, um Struktur, Volumen und Präsenz entstehen zu lassen.
5 Goldene Akzente
Claudine: In vielen deiner schwarz-weißen Werke setzt du Blattgold oder goldene Akzente ein. Gold steht oft für das Göttliche, das Wertvolle oder die Ewigkeit. Welche symbolische Bedeutung hat dieses Material für dich im Kontrast zum rohen Papier oder der Sprühfarbe?
Anja Zeilinger: Gold ist für mich ein Träger von Licht und Bedeutung. Im puristischen Schwarz-Weiß wirkt es wie ein stilles Zeichen, fast eine Setzung. Es steht für das Fragile, das bleibt – für etwas Verletzliches, das eine innere Beständigkeit trägt. Gold durchbricht die Reduktion nicht, sondern vertieft sie. Es lenkt den Blick auf jene feinen Momente, in denen Sinn, Würde und Zeitlosigkeit sichtbar werden.
6 Warum Schwarz-Weiß
Claudine: Warum verzichtest du bei deinen Werken auf das bunte Spektrum? Denkst du echte Farbe würde von der Essenz und der Klarheit deiner Motive ablenken?
Anja Zeilinger: Schwarz-Weiß ist meine Welt. In diesem reduzierten Spektrum zeigt sich für mich die größte Klarheit – hier entfalten Kontraste, Schatten und Konturen ihre stärkste Ausdruckskraft. Gerade die scheinbare Begrenzung von Schwarz und Weiß offenbart, wie viel Lebendigkeit und Dynamik in diesem Spannungsfeld liegt. Die goldenen Akzente verstehe ich nicht als Farbe, sondern als Energie. Sie verleihen dem Raum eine andere Resonanz, eine höhere emotionale Temperatur, ohne die eigentliche Aussage des Werkes zu verändern.
7 Die Augen als Tor
Claudine: Wenn man deine Porträts betrachtet, bleibt man immer an den Augen hängen. Sie wirken unglaublich lebendig und „beseelt“. Wie schaffst du es, mit einer Schablone – die ja technisch gesehen eine Reduktion auf Flächen ist – so viel Emotion und Tiefe in einen Blick zu legen?
Anja Zeilinger: Die Augen bilden für mich das Herz jeder Arbeit. Sie laden den Betrachter ein, in das Werk einzutauchen, und eröffnen zugleich einen Blick in seine innere Tiefe. Auch mit der Reduktion auf Flächen gelingt es mir, in den Blicken eine stille Lebendigkeit zu vermitteln. Wenn dieser „stimmt“, entsteht Verbindung – und genau diese Verbindung lässt das Porträt beseelt wirken.
8 Mensch und Natur
Claudine: Neben Porträts widmest du dich mikroskopischen Details der Natur. Du sprichst davon, dass viele „den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“. Ist deine Kunst ein Versuch, den Betrachter zur Entschleunigung und zum genauen Hinsehen zu zwingen?
Anja Zeilinger: In meiner Arbeit geht es darum, den Blick auf das Wesentliche zu richten und das Wirkliche zu entdecken. Die mikroskopische Betrachtung ist eine Hommage an die verborgene Schönheit und Komplexität, die oft übersehen wird. Sie „zwingt“ den Betrachter, intensiver und langsamer hinzuschauen, innezuhalten und die feinen Strukturen bewusst wahrzunehmen.
9 Die Tiefe hinter der Oberfläche
Claudine: Dein Motto lautet: „Entdecken Sie die Tiefe hinter der Oberfläche.“ Das lässt sich wörtlich auf die Schichten deiner Bilder beziehen, aber sicher auch metaphorisch. Welche „unsichtbaren Gedanken“ möchtest du in deinen Werken sichtbar machen?
Anja Zeilinger: Hinter jeder sichtbaren Form liegt etwas Unsichtbares. In meinen Werken versuche ich, das eigentlich Nicht-Darstellbare sichtbar zu machen – Gedanken, Gefühle, innere Spannungen, kleine Momente der Reflexion. Die Schichten sind nicht nur physisch, sondern auch metaphorisch: Sie laden die Betrachter ein, tiefer zu blicken und eigene Geschichten in den Stencils und vollendenten Werken zu entdecken.
10 Inspiration und Alltag
Claudine: Deine Kunst wirkt sehr fokussiert und ruhig. Wie sieht dein Alltag als Künstlerin aus? Brauchst du absolute Stille um dich herum, um diese Präzision zu erreichen, oder entsteht diese Ruhe mitten im Chaos des Lebens?
Anja Zeilinger: Mein Alltag ist oft weniger ruhig, als man erwarten würde – er besteht aus viel Organisation, zerschnittenen Fingern und manchmal purem Chaos.
Die Ruhe, die in meinen Werken spürbar ist, entsteht jedoch nicht durch äußere Stille, sondern aus einer inneren Stille in mir selbst.
Meine Inspiration liegt im Leben selbst – in Begegnungen, Situationen und Momenten, die mich bewegen. Dieses bewusste Wahrnehmen, das konzentrierte Arbeiten und Schneiden schaffen eine innere Balance, die sich in der Intensität und Lebendigkeit meiner Werke widerspiegelt.
11 Das Bleibende
Claudine: Wenn eine Ausstellung vorbei ist und die Besucher nach Hause gehen: Was wünschst du dir, was von deiner Kunst bei den Menschen bleibt – welches Gefühl oder welcher Gedanke soll nachhallen? Und wohin wird dich deine künstlerische Reise in Zukunft führen?
Anja Zeilinger: Wenn eine Ausstellung endet, wünsche ich mir, dass die Menschen etwas mit sich tragen – ein Gefühl, einen kurzen Moment der Verbundenheit mit etwas Tieferem, vielleicht sogar mit sich selbst. Ich erwarte kein lautes Statement, sondern einen stillen Nachhall, der nachklingt und im Inneren weiterwirkt. Meine Kunst soll kleine Impulse setzen, Perspektiven öffnen und die Betrachter auf eine leise, persönliche Reise mitnehmen.
Wohin mich diese Reise führt? Immer weiter zu neuen Schichten, neuen Einblicken – in die äußere wie in die innere Welt.